Facebook – nichts als digitale Gesichtspflege

Britta Heidemann
Themenbild zu Facebook. Bild (M) : Jakob Studnar
Themenbild zu Facebook. Bild (M) : Jakob Studnar

Im Netz. Das Ich im Profil: Facebook prägt einen neuen Stil der Selbstdarstellung, der an Selbsterfindung grenzt, findet WAZ-Redakteurin Britta Heidemann. Und findet fünf Gründe, das soziale Netzwerk nicht zu mögen.

Ich dachte, ich wüsste, ungefähr jedenfalls, wer ich bin. Bis ich daran scheiterte, eine Facebook-Version meiner selbst zu erstellen. Anmelden, Foto, Schule, Arbeitgeber. Klar – das würden „Freunde“ brauchen, damit sie mich identifizieren können. Warum aber sollte ich meine Persönlichkeit in Musik-CDs abbilden? Was, wenn ich selten ins Kino gehe? Warum ist da keine Rubrik für, sagen wir: Gedanken, die man nur nach Mitternacht denkt, wenn man sehr mutig ist?

Ich lasse das Profilieren erst mal sein und gucke, wer so da ist. Gehe meinem Voyeurismus nach und staune. Wieso scheinen Menschen, die ich differenziert und ironisch kenne, hier so dauergutdrauf? Kann ich da mithalten? Will ich? Fünf Gründe, Facebook nicht zu mögen.

1. Weil es die Fantasie eines College-Studenten ist. Die britische Autorin Zadie Smith war dabei, als es losging, räumlich und zeitlich jedenfalls: 2003 in Harvard. In Facebook-Gründer Zuckerberg sieht sie nur einen jungen Schlacks. In der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung schrieb sie: „Wir müssen uns in Erinnerung rufen, dass Facebook von einem jungen Harvard-Studenten mit typischen Interessen eines Harvard-Studenten entwickelt wurde. Was ist dein Beziehungsstatus? (Wähle einen. Es kann nur eine Antwort geben. Die Leute müssen Bescheid wissen.) Hast du ein „Leben“? (Beweise es. Stelle Bilder ein.) Interessierst du dich für die richtigen Dinge? (Stell eine Liste auf.)“ Wichtig seien „persönliche Belanglosigkeiten“: Zuckerberg glaube, Freundschaft bestehe in deren Austausch.

2. Weil wir darin Listen statt Beziehungen führen. Das neue, digitale Leben überschreibt das alte, reale. Wir hören ein Lied unter dem Aspekt, ob es unser Profil unterstreicht – und nicht, ob es uns (ohne Rattenschwanz von 200 „Freunden“) gefällt. Tatsächlich sollen die Listen etwas ersetzen, was im virtuellen Raum fehlt. In Kürze wird Fabian Bursteins Facebook-Roman „Statusmeldung“ (siehe Info-Box) erscheinen. Darin beklagt Protagonist Julian das Fehlen jener Kennenlern-Rituale, die Beziehungen zugrundeliegen. Die Folge: „Für mich ist dieser ganze abstrakte Raum ein riesiges Phantom. Mit Phantom-Gefühlen und Phantom-Schmerzen, wenn die Phantom-Gefühle virtuell verletzt werden.“

3. Weil wir neuerdings Dinge nur deshalb tun, um bei Facebook cool zu wirken. Natürlich waren wir immer schon Schauspieler. Seit Erving Goffman („Wir alle spielen Theater“) ist das Impression-Management, mit dem wir anderen ein Bild von uns machen, fester Begriff der Soziologie. Nun aber wollen wir nicht mehr nur gemocht werden, wir wollen „likes“ kriegen, virtuelle „Daumen-hoch!“-Grüße. Die gibt es oft für lustige Bilder, seltener für kluge politische Kommentare. Also? Klar: „Alles, was wir online tun, folgt nur dem Ziel, dafür bezahlt zu werden, in der härtesten Währung unserer Zeit: Aufmerksamkeit“, schrieb Autorin Lara Fritzsche im „Stern“. Deshalb präsentierten wir uns ironiefrei, wiedererkennbar: „Martin ist der Ernste, Lea die Sensible, Felix ist der Entertainer. Wir entwickeln ein Image von uns selbst, eine Demoversion.“ Das Verführerische: Wir haben totale Kontrolle über unsere Außenwirkung. Kein Blick, keine Geste, kein Tonfall wird uns je verraten!

4. Weil es Einzigartigkeit gefährdet. Facebook ist nicht nur fröhlich ichbezogen, sondern in seiner Fröhlichkeit auch ein großer Gleichmacher. Facebook sei „digitaler Maoismus“, unterdrücke Individualität: Dies schreibt kein Geringerer als Web-Prophet Jaron Lanier, der in den 90ern den Begriff „virtuelle Realität“ erfand, im neuen Buch „Gadget – Warum die Zukunft uns noch braucht“.

5. Weil es unsere eigene Faulheit tarnt. Aber es ist sooo cool, mit so vielen Menschen in Kontakt zu stehen! Klar. Noch cooler wäre, den einzelnen Menschen zu meinen, und nicht 200 gleichzeitig. „Wenn wir wirklich diesen Leuten in der Ferne einen Brief schreiben wollten, würden wir es tun“, so Zadie Smith: „Aber wir wollen nur das Allernotwendigste tun, wie ein junger Student…“

Vielleicht ist dies schon das ganze, große Geheimnis: Facebook ist die virtuelle Verlagerung des Studenten- und Partylebens in eine Welt, in der wir unsere Selbsterfindung ganz in der Hand haben. Um mitzufeiern, muss ich demzufolge gar nicht wissen, wer ich bin. Sondern nur, wer ich sein möchte. Unser Facebook-Profil spiegelt nicht uns, sondern ein Wunschbild – und könnte daher unverhofft zur tieferen Selbsterkenntnis beitragen.