Extremsparer und Wohlstandsbiester

Foto: waz

Essen.  Angst essen Kapitalerträge auf. Wenn der Extremsparer Harpagon sich die schon verloren geglaubte Geldschatulle am Ende des Abends an die Brust drückt als wäre es sein Liebstes auf der Welt, dann ist klar, dass dieser schrullige Nichtanleger doch noch in die Zeit passt. Weil man immer wieder Angst haben kann – vor Abgeltungssteuer, Inflation und bösem Börsencrash. Oder vor seinen berechnenden Kindern, Dienern, Kupplerinnen, zwielichtigen Finanzberatern. Und das sehr zu Recht, wie Jasper Brandis’ temporeiche, durchweg gut besetzte und angenehm unbarocke Inszenierung von Molières „Der Geizige“ im Grillo-Theater zeigt.

Brandis zeichnet einen, der nicht loslassen kann. Nicht das Geld, nicht seine Prinzipien, schon gar nicht seine Existenzangst. Dieser Weltstar der Wertschöpfungsverweigerung klammert sich an die Kohle wie an die junge Mariane, die doch eigentlich in Harpagons Junior Cléante verknallt ist. Wie die Liebe in Zeiten finanzieller Abhängigkeiten funktioniert, davon erzählt Brandis’ kurzweilige-kluge Inszenierung, die Molières egomanische Figuren bis zur Kenntlichkeit überzeichnet.

Thomas Büchel ist dabei ein grandioser Geizhals, ein bebender Sturkopf und Parade-Paranoiker in abgelatschten Schuhen und Biedermann-Beige, den der Geiz nicht geil macht, aber dem das Geld doch geradezu orgastische Verzückungslaute entlockt

So wie das Haben sein ganzes Sein bestimmt, kollidiert das emotionale Wollen mit dem wirtschaftlichen Können seiner Kinder Sie reden von Liebe, Treue, Großherzigkeit und sind doch kühl kalkulierende Wohlstands-Biester, die mit allem rechnen, zur Not auch mit dem baldigen Ableben des Vaters. Floriane Kleinpaß’ Elise ist eine Schönheit mit Eisprinzessinnen-Charme, Stefan Diekmanns Cléante mehr schicker Schnösel als Herzschmerzmann. Und so einen ölig-verhuschten Finanzschleicher wie Tom Gerbers La Flèche hat man selten gesehen.

Das tolle Typenkabinett ergänzt Ingrid Domann als dröhnende Kupplerin Frosine, während Jan Pröhl aus Molières gesammelten Nebenfiguren eine Hauptrolle macht. Die komische Entdeckung des Abends ist Anne Schirmachers Mariane. Als naiv-nassforsche Proll-Blondine gelingt es ihr, zwischen Tussi-Klischee und Katzenberger-Karikatur noch eine echte Figur herauszuschälen. Das nölige „nöö“ von Jens Ochlasts Valère als Running Gag läuft sich allerdings so bald tot wie Stefan Diekmanns Slapstick-Stolperei auf der Bühnentreppe. Das von Katrijn Baeten und Saskia Louwaard kreierte Ungetüm mit seinen vielen Stufen und aufklappbaren Luken ist logistisch wie sportlich eine Herausforderung, ohne dass der Witz der Moralkomödie dort unter die Räder käme.

Das Geld macht an diesem Abend niemanden glücklich. Aber es beunruhigt auf dem Theater doch ungemein unterhaltsam.