Eugen Ruge bereichert, ohne zu bestehlen

Der Autor Eugen Ruge hat den Deutschen Buchpreis 2011 gewonnen. Foto: dapd
Der Autor Eugen Ruge hat den Deutschen Buchpreis 2011 gewonnen. Foto: dapd
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Frankfurt/M.. Eugen Ruge hat den Deutschen Buchpreis 2011 gewonnen. Für sein Romandebüt „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ erhielt er die Auszeichnung. Der Redaktion erzählt er von seinem Werk und seiner Vergangenheit.

Eugen Ruge umgibt ein Leuchten, das mit jedem Satz noch zunimmt. Am Montag, 10. Oktober 2011, erhielt der 57-Jährige den Deutschen Buchpreis für sein Romandebüt „In Zeiten des abnehmenden Lichts“. Am Mittwoch sitzt er am Buchmessen-Stand seines Verlages, Rowohlt. Und überlegt noch immer, was es für ihn bedeutet, den Stoff seines Romans preiswürdig bewältigt zu haben: eine Familiengeschichte, die der eigenen stark ähnelt und die, grob gefasst, von (sozialistischen) Utopien und ihrem Niedergang handeln, vom gegenseitigen Be- und sich selbst Entschuldigen, von Zukunftshoffnungen, die weggedimmt werden.

Präziser Mensch

„Das wird man sehen, ob es mich lahmlegt oder ob es mich befreit“, sagt Ruge: „Um vielleicht auch mal andere Sachen zu machen, die für mich persönlich nicht ganz so wichtig sind.“ Feine Faltenlinien durchziehen sein Gesicht, wenn er lacht. Zuweilen kratzt er sich am winzigen weißen Kinnbärtchen. Ein ruhiger, präziser Mensch, der vielleicht am besten darüber zu beschreiben ist, was er nicht ist – kein Träumer, kein Hirngespinstespinner. Aber auch kein Uwe Tellkamp, kein Bildungsbürgerkind, so gerne nun auch Parallelen zur anderen DDR-Familiengeschichte gezogen werden.

Ruge hat in der DDR als Mathematiker gearbeitet, das Fach schien ihm weitgehend ideologiefrei. Als Vierjähriger war er 1958 mit seinen Eltern aus dem Ural eingereist, seine Mutter ist Russin. Sein Vater, ein Deutscher, war als Kommunist vor den Nazis nach Russland geflohen, dort aber als Zwangsarbeiter deportiert worden. Schon als Kind lernte Eugen Ruge Distanz zum System: „Ich war innerlich nicht sehr zugänglich für dieses ganze Theater.“

Sein Roman des Immerdunklerwerdens reicht von den fünfziger Jahren bis 2001, er springt zwischen Russland, Deutschland, Mexiko. Man merkt ihm an, dass Eugen Ruge lange als Theaterautor gearbeitet hat – die Mathematik war dann irgendwann doch zu trocken, wenngleich er ihr die Fähigkeit verdankt, „in Räumen zu denken“. „Seit zwanzig Jahren sitze ich jeden Morgen da und schreibe“; so ist dies ein Debüt von erfahrener Hand, ein kühnes Konstrukt. Das seinen Formwillen geschickt verbirgt: „Eine Form erfüllt ihren Zweck dann, wenn sie sich selbst zum Verschwinden bringt.“

Ruge lebte in Krefeld

1988 verließ Eugen Ruge die DDR, lebte in Krefeld. „Die DDR hat mich gelangweilt, ich konnte dazu nichts schreiben. Das klingt ein bisschen salopp. Aber für jemanden, der schreiben will, ist das ein existenzielles Problem: Wenn es zu dem Land, in dem er lebt, eigentlich nichts mehr zu sagen gibt. Keine Geschichten, die es wert sind, erzählt zu werden. Das war ein Irrtum. Aber das habe ich erst gemerkt, als die DDR weg war.“

1989 war es „erst mal unglaublich toll, dass der Rückweg zu Freunden und zu meiner Familie wieder offen war – ich war zwar geschieden, hatte aber Kinder.“ Andererseits sei er „auf idiotische Weise“ verärgert gewesen: „Ich hatte mir so viel Mühe gegeben mit der Flucht. Und die anderen 16 Millionen, die kamen plötzlich alle so hinterher.“

Zugleich erhielt er ein Haus zurück: das Ferienhaus seiner Familie auf Rügen. Vor drei Jahren hätte er es beinahe erneut zurückgelassen, auf dem Weg zu seinem Roman.

Absurder Gedanke

„Der Roman gehört zu den Dingen, bei denen ich mir nicht verziehen hätte, sie nicht versucht zu haben“, damals schien ihm die Zeit endlich reif dafür. Nur befand sich Eugen in einer Situation, „die wirtschaftlich nicht so günstig war“. Wäre nicht der Döblin-Preis gekommen, der das Beenden unfertiger Manuskripte unterstützen will, hätte er das Haus verkauft. „So absurd ist doch der Gedanke nicht, dass man das verkauft, um ein Buch schreiben zu können, oder?“

Was bedeutet das Schreiben? „Es ist eine Art Lebensintensivierung. Des eigenen Lebens, aber man durchlebt ja auch fremde Leben, indem man sie niederschreibt. Damit bereichert man sich sozusagen, ohne jemanden zu bestehlen.“ Er lacht, er leuchtet.

 
 

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