Es gibt ein Hörspiel-Leben jenseits der drei Fragezeichen

Christian Sujata

Zwischen Kunst und Kommerz, Pulp und Fiction produziert das Hörspiel-Label "Lausch" seit zwei Jahren Hörspiele für Erwachsene. DerWesten sprach mit Label-Chef Günter Merlau.

Herr Merlau, vor zwei Jahren haben sie das Hörspiel-Label "Lausch" gegründet. Wie und warum kam es dazu?

Günter Merlau: Es war eine lange Reise bis zum Label. Ich komme aus einer Künstlerfamilie und habe selbst als Musiker, Darsteller, Komponist und Produzent gearbeitet. Das hat alles zusammen dann später Hörspiel ergeben. Ich wurde aber auch durch einzelne Hörspiele inspiriert, vor allem durch "Jack the Ripper – Die Geschichte eines Mörders" von Ripper Records aus dem Jahre 2001. Das war für mich das entscheidende Erlebnis, bei dem mir klar wurde: Es gibt ein Hörspiel-Leben jenseits der "Drei Fragezeichen" und "TKKG". Meine Partnerin Janet Sunjic, mit der ich das Label zusammen gegründet habe, kommt aus dem kaufmännischen Bereich, hat viel für Musikgroßhändler gearbeitet und ein eigenes Tonstudio aufgemacht. Wir haben uns dann vor zwei Jahren entschlossen, das Hörspiel-Label gemeinsam auf die Beine zu stellen und ergänzen uns seitdem auch beruflich hervorragend.

Sie haben sich mit Ihren Produktionen von vornherein für ein erwachsenes Publikum entschieden.

Günter Merlau: Das hat mehrere Gründe. Zum einen wollten wir uns von Anfang an mit erwachsenen Themen beschäftigen. Zum anderen ist es einfach ungemein schwer, Kinder zu erreichen, wenn nicht durch teure Fernsehwerbung. In der Nische Erwachsenenhörspiel haben wir dagegen die Möglichkeit direkt auf unsere Käufer zuzugehen.

Liegt es auch daran, dass man bei Produktionen für Erwachsene mehr Spielraum hat?

Günter Merlau: Natürlich. Wir bei Lausch gelten nicht umsonst als extrem freiheitsliebend. Unsere Grenzen sind sehr weit gesteckt. Wir haben sehr hohe Qualitätsansprüche, aber auch Ansprüche an den Unterhaltungswert und an die harte Action, die hier vermittelt werden. Im Kinderbereich hat man nicht mal ansatzweise die Chance so etwas zu verwirklichen.

Worin bestehen heute die größten Unterschiede zu den Erwachsenenhörspielserien der 80er Jahre wie "Larry Brent" oder "Macabros"?

Günter Merlau: Es gibt eine Menge Produktionen, die heute noch so sind und in dieser Tradition - billige Effekte, schlechte Sprecher, dahingeschludertes Derehbuch - weiter produzieren, wenn auch unfreiwillig. Aber an mir sind Quentin Tarantino, Guy Ritchie oder David Lynch nicht spurlos vorbeigegangen. Diese Filmemacher haben die Sehgewohnheiten im medialen Bereich grundlegend geändert. Im Hörspielbereich machen wir das nun eben auch.

Wir sind heute abstrakter, härter und vielleicht auch intelligenter, aber auch pulpiger als die Hörspiele in den 80er Jahren. Die Grenzen zwischen Kunst und Kommerz, Pulp und Fiction lassen wir bewusst verschwimmen.

Sie haben von Anfang an auf bekannte Stimmen wie Konrad Halver, Thorsten Michaelis oder Klaus Sonnenschein gesetzt. Für ein junges Label ist das recht ungewöhnlich. Ihr Konkurrent "Pandoras Play" arbeitet dagegen eher mit unbekannten Nachwuchskräften.

Günter Merlau: Ich habe sehr viel Respekt vor der Arbeit von "Pandoras Play". Die haben die Ausrichtung, ein Amateurlabel zu sein und leben nicht von dem, was sie machen. Ich mache Kunst und dementsprechend sind mein Anspruch und meine Fähigkeiten geschult. Deshalb war für mich von vornherein klar, dass das bei uns auf hohem Niveau stattfinden soll. Wir sind zu einer Qualitätsschmiede geworden, wie es sie im Hörspiel so sonst gar nicht mehr gibt.

Ende der 80er Jahre ist die damals boomende Hörspielkultur plötzlich ausgestorben. Erst seit Anfang dieses Jahrtausends gibt es wieder eine Vielfalt an neuen Hörspielserien. Woran liegt das?

Günter Merlau: Der kommerzielle Erfolg für Hörspiele war in den 80er Jahren mit Abstand am höchsten. Damals wurden Auflagen in Millionenhöhe erreicht. Allerdings wurde der Erwachsenenmarkt fast ausschließlich von "Europa" und "Tonstudio Braun" mit ihren John Sinclair-Hörspielen dominiert. In den 90er Jahren änderte sich das schlagartig. Das hat mit dem Aufkommen des kommerziellen Fernsehens, den Videospielkonsolen und vielen anderen Faktoren zu tun. Das mediale Spielzeug für Kinder wurde enorm erweitert. Hörspiele wurden auf einmal uninteressant. Etwa im Jahre 2000 hat sich eine Rückbesinnung vollzogen und die damals mittlerweile Mitte bis Ende Zwanzigjährigen haben sich Hörspiele zurückgewünscht..

Heutzutage bekommt man nicht nur jedes Musikalbum, sondern auch jede erdenkliche Hörspielserie gratis bei illegalen Tauschbörsen im Internet. Man kann sie sich minutenschnell herunterladen. Was bedeutet das für Sie?

Günter Merlau: Es ist eine unehrenhafte Sache. Wer so was ohne schlechtes Gewissen und mit großer Freude tut, ist für mich asozial. Man schädigt damit nicht nur das Label, sondern vor allem auch die Künstler. Es ist wahnsinnig schwierig dagegen anzugehen, weil die Server im Ausland stehen und man die Verantwortlichen kaum erwischen kann.

Welche "Lausch"-Produktion läuft am erfolgreichsten und welche liegt Ihnen am meisten am Herzen?

Günter Merlau: Wie man sich's denken kann, ist das nicht immer ein und dieselbe Produktion. Allen Unkenrufen zum Trotz ist unsere erfolgreichste Produktion "Drizzt – Die Saga vom Dunkelelf". Die anderen Serien sind in etwa auf gleicher Augenhöhe. Mein liebstes Werk ist dagegen "Die schwarze Sonne". Ich war in den Produktionen der aktuellen Folgen zuletzt so tief integriert, dass diese mir momentan am allernächsten ist.

Wie verhält es sich mit den Verkaufszahlen von Hörspielserien?

Günter Merlau: In der Hierarchie liegen nach wie vor "Die drei Fragezeichen" ganz weit vorne. Dann kommt erst mal lange gar nichts, dann "TKKG" und "Fünf Freunde" und irgendwann auch "John Sinclair Edition 2000", die erste Erwachsenenserie. Mit großen Abstand dahinter "Gabriel Burns" und "Perry Rhodan" und dann wir, auf Augenhöhe beispielsweise mit "Offenbarung 23". Von den kleinen Labels sind wir mittlerweile eines der erfolgreichsten.

Gibt es Produktionen der Konkurrenz, die Sie schätzen?

Günter Merlau: Ein gutes Hörspiel steht und fällt mit einem guten Drehbuch. Eine gut erzählte Geschichte ist immer unterhaltsam, unabhängig von allem anderen. Da wird meiner Meinung nach meist leider viel zu viel gespart. Wie schon erwähnt, fand ich aber Frank Gustavos' "Jack the Ripper" vor einigen Jahren wirklich hervorragend.

Wie gefallen Ihnen die ebenfalls sehr erfolgreichen Hörspiele aus der Feder von Andreas Masuth vom Label "Maritim"?

Günter Merlau: Ich hatte auch mal Kontakt zu Masuth, eine Zusammenarbeit hat sich aber nicht ergeben. Masuth war für "Maritim" ganz sicher ein großer, qualitativer Schritt nach vorne. Ich finde seine Sachen sehr gut, aber auch sehr konservativ. Ich würde vieles anders machen, beispielsweise die "Maritim"-Hörspiele etwas kürzen und verdichten. Dennoch ist es keine Frage, dass Andreas Masuth regelmäßig sehr gute Arbeit abliefert.

Wie geht es mit Erwachsenen-Hörspielserien weiter?

Günter Merlau: Der Boom wird in den nächsten Jahren noch andauern und sich eventuell sogar etwas verstärken, aber dann wird sich der Spreu vom Weizen trennen. Einige Labels werden das hohe Produktionsniveau nicht auf Dauer halten können. Die Läden sind momentan so voll gestopft mit Hörspielprodukten, dass das nicht nur mit der Qualität sondern auch mit Marketingstrategien zu tun haben wird.

Wie geht's mit Lausch weiter?

Günter Merlau: Dieses Jahr erscheint unsere neue Serie "Hellboy", aber für die nächsten zwei Jahre halten wir schon jetzt Ausschau nach neuen Serien, zumal mit "Caine" und "Die schwarze Sonne" zwei unserer Serien in absehbarer Zeit auslaufen. Es ist aber noch nichts verlautbar.

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