Es geht voran ohne Sentimentalität

Selbst bemalt  – wie hier im Jahre 2012 bei einem Auftritt in Essen – sind die Hemden von Peter Hein immer noch
Selbst bemalt – wie hier im Jahre 2012 bei einem Auftritt in Essen – sind die Hemden von Peter Hein immer noch
Foto: WAZ FotoPool
Die Band verweigerte im Düsseldorfer Zakk dem Publikum ein nostalgieschwangeres Heimspiel. Trotzdem war der Auftritt der in Ehren ergrauten Punkhelden nicht rundum gelungen

Düsseldorf..  Irgendwie krochen sie am Dienstagabend alle wieder aus ihren Löchern, die in Ehren ergrauten Veteranen der Düsseldorfer Punkszene, die Ende der siebziger, Anfang der achtziger Jahre im Ratinger Hof in der Altstadt oder in den besetzten Häusern an der Kiefernstraße in Flingern abhingen. Damals, als Düsseldorf nicht nur chic, sondern auch hip war. Schließlich hatten sich im gut gefüllten „Zakk“ mit Fehlfarben die Großväter des Düsseldorfer Punks angekündigt, deren exzellentes Debut-Album „Monarchie & Alltag“ (1980) ein Meilenstein der deutschen Rockmusik bleiben wird.

Doch wer auf nostalgieschwangere Heimspiel-Atmosphäre mit Aftershow-Party gehofft hatte, den enttäuscht Sänger Peter Hein postwendend. „Von uns lebt doch nur noch einer in Düsseldorf“, fegte der Sänger alle Sentimalitäten mit einem kurzen und schmerzlosen Satz weg und nahm – so viel Düsseldorf muss sein – einen tiefen Schluck aus der Altbierpulle.

Man ist ja schließlich nicht bei Campino und seinen Toten Hosen, die hin und wieder eine verbale Spitze der inzwischen in Wien lebenden Giftspritze verpasst bekamen. Dass „Punk“ bei den Fehlfarben das Attribut „Fun“ nicht braucht, stellen sie auch mit ihrem neuen, übrigens recht gelungenen Werk „Über... Menschen“ unter Beweis, das über weite Strecken das Programm des Konzerts bestimmt. An Altersmilde ist bei Herrn Hein nicht zu denken: „Man wollte nicht mehr wie jemand anderer sein, wollte sich von allem Alten befreien, und plötzlich, ohne dass man sich’s versah, stand man nackt in der Zukunft, die keine war“, brüllt er in „So hatten wir uns das nicht vorgestellt“, einem der stärksten Songs des Albums, ins Mikro wie anno 1980.

Zwei verschiedene Bands

Trotzdem konnte der Zuschauer über weite Strecken den Eindruck gewinnen, als ob zwei verschiedene Bands auf der Bühne stünden. Die Alt-Fehlfarben, bestehend aus den beiden Keyboardern Kurt „Pyrolator“ Dahlke und Frank Fenstermacher sowie Bassist Michael Kemner (Gitarrist und Mitgründer Thomas Schwebel ist 2008 ausgestiegen), sowie eine neue Formation mit der erfrischenden Drummerin Saskia von Klitzing und Gitarrist Thomas Schneider, zu der sich überraschend oft Peter Hein gesellt. Nur selten findet sich auf der Bühne eine Einheit zusammen. Am ehesten vielleicht noch im Zugabenteil beim Klassiker „Paul ist tot“ mit den epochal herausgebrüllten Zeilen „Was ich haben will, das krieg ich nicht, und was ich kriegen kann, das gefällt mit nicht.“

Mit diesen in Stein gemeißelten Zeilen und Versen wie „Es liegt ein Grauschleier über der Stadt, den meine Mutter noch nicht weggewaschen hat“ haben die Fehlfarben Anfang der achtziger Jahre den Nerv der bundesdeutschen Jugend getroffen. Eine Wiederholung will ihnen an diesem Abend nicht mehr gelingen. Es liegt nicht daran, dass sie nichts mehr zu sagen hätten. Nein, es liegt schlicht und einfach daran, dass sie es zu schlampig herunterspielen. Oder um es mit einem ihrer Songs zu sagen: „So hatten wir uns das nicht vorgestellt.“

EURE FAVORITEN