Erwachen einer Lehrerin - Uraufführung bei den Ruhrfestspielen

„Mutter Kramers fährt zur Gnade“ von Christoph Nußbaumeder bei den Ruhrfestspielen: Anke Zillich als Anita Kramer.
„Mutter Kramers fährt zur Gnade“ von Christoph Nußbaumeder bei den Ruhrfestspielen: Anke Zillich als Anita Kramer.
Foto: Diana Küster
Kooperation zwischen den Ruhrfestspielen und dem Schauspielhaus Bochum: „Mutter Kramers Fahrt zur Gnade“ von Christoph Nußbaumeder in Recklinhausen uraufgeführt. Hier haut nur jemand lautstark auf die Ideen-Pauke.

Recklinghausen. Die Mütter haben es Christoph Nußbaumeder angetan. Mit seinem neuen Theaterstück „Mutter Kramers Fahrt zur Gnade“, das jetzt bei den Ruhrfestspielen als Koproduktion mit dem Bochumer Schauspielhaus uraufgeführt wurde, sucht er Anknüpfungspunkte in der Historie. Bei dem tragischen Stummfilm „Mutter Krausen’s Fahrt ins Glück“ beispielsweise oder bei Fassbinders Film „Mutter Küsters’ Fahrt zum Himmel“, beides Lehrstücke über proletarische Frauen, den Egoismus der Menschen und ihre Unfähigkeit zu solidarischem Handeln.

Nußbaumeder stellt mit Anita Kramer (Anke Zillich) eine pensionierte und verwitwete Lehrerin in den Mittelpunkt, die weitab der Realität sich in ihrer eigenen Wolke Leben verpuppt hat. Der arbeitslose Konditor Hudi (Raiko Küster) kommt ihr nahe, öffnet ihr die Augen für die Schlechtigkeit der Welt, leider aber auch für die Erkenntnis, dass er und die russische Putzfrau Elena (Bettina Engelhardt) sie nur bestehlen wollen.

Bürgerliches Trauerspiel mit Hoffnungsschimmer

Fassbinder meint man in diesem Stück über Ausbeutung und enttäuschte Hoffnungen tatsächlich erkennen zu können, wenn auch abgefedert durch christliche Botschaft. Anita nämlich betont in ihrem Schlussmonolog den Glauben an einen Gnadenakt Gottes, der es ihr sogar ermöglicht, der um ihr Erbe bangenden habgierigen Tochter zu verzeihen. Fast zu schön, diese Mär von der Emanzipation einer älteren Frau, die allen Gutes tut und sich selbst dabei nicht vergisst.

Vielleicht ist es dieses gnadenvolle Finale, das die Regisseurin Heike M. Götze dazu gebracht hat, dem Stück fast jeden Realitätsbezug auszutreiben. Lauter putzig gestaltete Charaktere umschwirren uns. Alles muss überdeutlich sein: So hockt Anita zu Beginn in einem mit Porzellan übersäten Wohnzimmer (Bühne: Dirk Thiele), vollkommen bedeckt mit Spinnenfäden. Der lustige Hudi, eine Chaplin-Figur mit Bowler und übergroßen Schuhen, muss sie da erst einmal heraus und ins Leben hineinholen. Der herausgeputzten russischen (!) Putzfrau (!!) fehlen jene Teile des Kostüms, die Schoß und Gesäß bedecken würden. Töchterchen lebt unter dem Fluch der Heirat und muss ihr Dasein im Hochzeitskostüm verbringen. Und: Wer sich befreit fühlt, drückt das durch Tanzen aus.

Hier traut jemand der Vorlage nicht, die ein bürgerliches Trauerspiel mit Hoffnungsschimmer sein will. Hier haut nur jemand lautstark auf die Ideen-Pauke.

(Keine weiteren Vorstellungen. Ab 3. November in Bochum)

 
 

EURE FAVORITEN