Ernüchternde Worte zum süßen Weingenuss

95 000 Menschen haben am Schlussgottesdienst des Kirchentags in Stuttgart teilgenommen.
95 000 Menschen haben am Schlussgottesdienst des Kirchentags in Stuttgart teilgenommen.
Foto: dpa
95.000 Menschen haben sich beim Evangelischen Kirchentag in Stuttgart versammelt. Er sollte ein Glaubensfest für den Frieden sein.

Stuttgart.. „Niemand ist dazu geboren, auf der Flucht zu sein. Und es ist wahrlich noch kein Frieden, wenn ich am Strand Siziliens mit einem guten Rotwein den Sonnenuntergang genieße und dabei verdränge, dass jenseits meines Wohlstandshorizonts Flüchtlinge jämmerlich sterben.“ Es waren klare, unmissverständliche Worte, die die Pastorin und „Wort zum Sonntag“-Sprecherin Nora Steen in ihrer Predigt formulierte. Sie sprach vor 95.000 Menschen beim Abschlussgottesdienst des 35. Deutschen Evangelischen Kirchentags in Stuttgart.

„Wir brauchen ein hörendes Herz“

Mehr als 120.000 Christen und religiös Interessierte hatten sich seit Mittwoch unter der Losung „damit wir klugen werden“ in gut 2500 Veranstaltungen betend, singend, diskutierend und spielend ausgetauscht. Das Flüchtlingsthema war dabei ein besonders prägendes. In der geistigen Nachfolge des Predigers Salomo wünschte sich denn auch Pfarrerin Nora Steen „ein hörendes Herz“ möglichst vieler Menschen, wenn es um das Schicksal der Vertriebenen und Heimatlosen geht: „Diejenigen, die ihre Sehnsucht nach einem Leben in Europa mit dem Tod bezahlen, gehen uns etwas an! Wenn du mit dem Herzen hörst, lässt du dich berühren von denen, die ein Zuhause suchen. Du kannst erst dann ruhig schlafen, wenn auch deine Nachbarn im Flüchtlingsheim nebenan willkommen sind. Wenn du mit dem Herzen hörst, siehst du die, die durchs Netz unserer Wohlstandsgesellschaft gefallen sind. Du entdeckst ihre Talente und suchst mit ihnen nach einer Perspektive, die ihnen einen Sinn im Leben gibt.“

Der Vizepräsident der Evangelischen Kirche von Westfalen, Albert Henz (Iserlohn/Bielefeld), gehörte auch zu den Teilnehmern des Stuttgarter Kirchentages. Seine Bilanz des fünftägigen Christentreffens fiel außerordentlich positiv aus. Im Gespräch mit unserer Zeitung nannte es der Theologe „sehr ermutigend“, mit welch großem Interesse sich höchstrangige Vertreter aus Politik und Wirtschaft einem ernsthaften und nachdenklichen Diskurs mit der Kirche gestellt hätten. Auch das breite und bestens angenommene Programm gerade für junge Menschen bezeichnete Henz als „wirklich hoffnungsvoll“.

Natürlich hat der leitende Theologe die Veranstaltungen und die Organisation in Stuttgart nicht zuletzt im Hinblick auf den geplanten Kirchentag 2019 in Dortmund beobachtet. Sein Fazit: „Stuttgart war schon eine andere Hausnummer als es Dortmund werden kann. Im Ruhrgebiet sind wir nicht so reich wie in Württemberg. Das ist uns aber auch bewusst. Doch wir werden uns sehen lassen können; Dortmund hat auch viel zu bieten, und das werden wir gern beweisen.“

Es kommt auf das „Wir“ an

Für den Stuttgarter Kirchentagspräsidenten Prof. Dr. Dr. Andreas Barner hat sich das „Wir“ in der Losung „damit wir klug werden“ als ganz besonders nachhaltig erwiesen: „Das ,Wir’, das uns Christen so leicht fallen müsste und doch häufig so schwer fällt, das ,Wir’ der Gemeinschaft, das ,Wir’ des Teilens. Wenn ,Wir’ davon überzeugt sind, können wir auch andere überzeugen, dass wir in Deutschland mehr tun wollen, mehr tun müssen und mehr tun können - insbesondere in der Frage der Flüchtlingsaufnahme. Dann feiern wir unser ,klug Werden’ nicht nur in Stuttgart.“

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