Ernst Jüngers Weltkriegsroman „In Stahlgewittern“ ermüdet

Englische Panzer im Ersten Weltkrieg vor zerstörten Häusern.
Englische Panzer im Ersten Weltkrieg vor zerstörten Häusern.
Foto: UPI
Tom Schilling liest das viel umraunte Werk, das als Hörbuch gut zwölf Stunden dauert und zehn CDs in Anspruch nimmt. Zu hören ist Jüngers letzte Fassung seines oft überarbeiteten Werks, die 1978 in seiner Werkausgabe bei Klett-Cotta erschien.

Essen.. Ernst Jüngers Westfront-Roman „In Stahlgewittern“ wird heute mehr umraunt als gelesen. Es ist auch ein allzu ermüdendes Unterfangen. Die Beschreibungen verschiedenster, mehr oder minder blutspritzender Todesarten in, auf und vor den Schützengräben des Ersten Weltkriegs wiederholen sich schier endlos, mit stets wechselnden Namen. Da hilft auch der geschmeidige, eloquente Stil nicht viel.

Dass dieser Blutrausch in eine sang- und klanglose Kapitulation mündet, lässt aus heutiger Sicht auch Jüngers Versuche verpuffen, den Krieg als Ort der heldenhaften Bewährung zu glorifizieren. Sein Ich-Erzähler bewahrt sich ausgerechnet in der größten Material- und Menschenschlacht ein Bild vom ritterlichen Soldaten – ein Don Quijote in Flandern, der eigene Heldentaten mit charmanter Untertreibung schildert. Da passt Tom Schillings helle, leicht naiv klingende Jugendstimme hervorragend für die Einlesung des 325-Seiten-Werks auf zehn CDs (DHV Der HörVerlag, 733 min., ca. 35 Euro).

Jünger stand im hohen Alter immer querer zur Zeit

Allerdings ist diese Hörbuch-Fassung auch abgeschliffen wie ein Kiesel – Ernst Jünger überarbeitete den erstmals 1920 (noch mit dem Untertitel: „Aus dem Tagebuch eines Stoßtruppführers“) erschienenen Roman ein ums andere Mal für neue Ausgaben, 1924 und 1934, 1935 und 1961 und dann 1978 noch einmal für die große Werkausgabe im Klett-Cotta Verlag.

Beim ersten Mal etwa fügte Jünger nationalistische Passagen hinzu, zehn Jahre später nahm er sie wieder heraus, um sich nicht von den Nazis vereinnahmen zu lassen. Die Unterschiede zwischen den diversen Fassungen lassen sich an der historisch-kritischen Ausgabe der „Stahlgewitter“ ablesen, die der Germanist Helmuth Kiesel 2012 herausgegeben hat.

Dass Tom Schilling fürs Hörbuch die ‘78er-Fassung liest, ist nur einer winzigen Copyright-Angabe im Booklet zu entnehmen. Das bietet statt Fakten und Details zum Roman eine biografische Skizze von Bruce Chatwin über Ernst Jünger. Dessen Dankesrede zur umstrittenen Verleihung des Frankfurter Goethe-Preises 1982 lässt noch einmal hören, dass Jünger im hohen Alter immer querer zur Zeit stand, zwischen genialen Geistesblitzen und verschroben-schratiger, knarziger Widerspenstigkeit.

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