Ernst, gut getarnt

Moers.  Das Brecht-Stück heißt zwar „Mann ist Mann“, mit dem das Schlosstheater Moers jetzt Premiere feierte, aber die großen Rollen hatten Frauen. Die Männer waren austauschbares Beiwerk, auch wenn sie heiter zeigten, wie man Elefantenohren spielt oder Schäferhunde. Aber damit trifft Philipp Preuss als Regisseur ja auch schon eine klare Aussage in dem Stück, in dem es um schwindende Individualität geht, darum, „einen Menschen zu montieren“.

Mit und ohne Sprachfehler

Insofern ist es fast folgerichtig, die Rolle des Galy Gay, der morgens Fisch kaufen geht und abends zur menschlichen Kampfmaschine geworden ist, mit einer Frau zu besetzen. Und mit was für einer. Marieke Kregel hat eine solch großartige Leistung abgeliefert, mal mit, mal ohne Sprachfehler, eine solche Bühnenpräsenz hingelegt, dass die Moerser es umsomehr bedauern werden, dass sie in der kommenden Spielzeit nicht mehr zum Ensemble gehören wird. Die zahlreichen Bravorufe am Schluss galten ihr allein – zu Recht.

Wenn es denn stimmt, dass alle Männer gleich sind, wie es in dem Stück heißt, und nur das eine wollen, wie es in dem Stück reichlich gezeigt wird, dann werden diese allerdings wenig vom Brecht’schen Text mitkriegen. Sondern an Marissa Möller kleben, die in High Heels und mit Schlitz im Kleid eine, sagen wir, recht breitbeinige Leokadja Begbick gibt, ein ziemlich laszives Luder, das sogar dem Satz „Ich könnte einen Elefanten gebrauchen“ Erotik abverlangen kann.

Wie überhaupt vor allem die erste Halbzeit des Klassikers in der Moerser Version eine ziemlich saftige Angelegenheit ist, mit reichlich Herrenwitz à la „Die Gurke, die Gurke, haha“, und viel Kurzweil durch kleine Regieeinfälle, wenn etwa aus „Mannomann“ „Mannesmann“ wird.

Dass sich Unterhaltung und Haltung nicht ausschließen, hat Bertolt Brecht vorgegeben, Preuss dreht es noch ein bisschen weiter. Wobei dieses „Mann ist Mann“ trotz reichlich Konfetti keineswegs im klamaukigen Abgrund verschwindet. Verschwinden können höchstens die Schauspieler im camouflage-ähnlichen Bühnenbild von Ramallah Aubrecht. Niederrheinischer Buchsbaum, stark vergrößert, ziert Wand und Tarnanzüge gleichermaßen. Und manchmal verschwindet sogar der Text in Maschinengewehrsalven oder Hubschrauber-Lärm.

Militärischer Drillschritt mutiert zum Showtanz. Die Musik von Paul Dessau wurde so verfremdet, dass sie sich fast wie ein Computerspiel anhört. Show und Mord, Krieg und Lustspiel, das passte nicht nur für Brecht, sondern auch für Hollywood oft zusammen. „Mili-tainment“ ist das Preuss'sche Stichwort. Was das aber mit Menschen machen kann, wenn Kampfmaschinen Krieg spielen, das führt dieses Stück auch vor Augen mit Folterszenen und obszönen Gesten, die wir aus Guantanamo kennen. Nein, diese Aufführung verliert ihren Ernst keineswegs. Er ist halt nur gut getarnt.

 
 

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