Erlöser mit Jutebeutel

Arnold Hohmann
Dostojewskis "Der Idiot" am Kölner Schauspielhaus: Lina Beckmann (re.) als Fürst Myschkin, Angelika Richter als Generalsgattin. (Foto: Klaus Lefebvre)
Dostojewskis "Der Idiot" am Kölner Schauspielhaus: Lina Beckmann (re.) als Fürst Myschkin, Angelika Richter als Generalsgattin. (Foto: Klaus Lefebvre)
Foto: Klaus Lefebvre
Es geschieht nicht oft, dass man nach vier Stunden aus dem Theater kommt und restlos zufrieden ist. Am Kölner Schauspiel ist das jetzt der Fall. Mit einem großartigen Ensemble hat die Regisseurin Karin Henkel Dostojewskis Roman „Der Idiot“ für die Bühne eingerichtet.

Köln. Zwei Spielzeiten lang waren sie die Größten in Köln, galt das Schauspiel der Domstadt den Kritikern als das Beste in Deutschland. Dass man die laufende Saison allerdings bisher als nicht gerade überragend einstufen kann, ließ bereits Spekulationen keimen: Sollte Intendantin Karin Beier vielleicht doch schon mit den Gedanken mehr in Hamburg weilen, wohin sie im nächsten Jahr wechselt? Doch seit Sonntag ist die Welt am Rhein wieder in Ordnung, seit Karin Henkel im Schauspielhaus Dostojewskis Roman „Der Idiot“ in einer packenden vierstündigen Inszenierung auf die Bühne gebracht hat.

Der Stoff hat immer schon zur Dramatisierung gereizt, im Theater ebenso wie im Film und auf der Opernbühne. Es ist ja auch ein attraktiver Stoff, wenn da eine Art russischer Parzival mit reinem Herzen und voll ebenso reiner Liebe auf eine Gesellschaft trifft, die wie besessen nach Geld und Ruhm schielt. Die längste Zeit seines Lebens hat dieser Fürst Myschkin in einer Schweizer Heilanstalt zugebracht, um jetzt als Mann von unverdorbener Kindlichkeit in die Heimat zurückzukehren. Seine befremdliche Ehrlichkeit sowie seine naive Vertrauensseligkeit macht ihn für die anderen schnell zum „Idioten“.

Karin Henkel besetzt diesen jungen Mann in Gestalt der großartigen Lina Beckmann mit einer Frau, um das Androgyne und die Sanftheit dieses Charakters zu unterstreichen. Wenn dieser Myschkin seine Liebe beteuert, dann schwingt da nichts Sexuelles mit, ist das Zeichen reiner Zuneigung – zu seinem Widerpart Rogoshin (düster und verschlossen: Charly Hübner) ebenso wie zu der Kurtisane Filippowna (lasziv und zerbrechlich: Lena Schwarz) und der Generalstochter Aglaja (so eigensinnig wie unentschlossen: Jördis Triebel). Überhaupt hat die Regie es darauf angelegt, diesen mit Epilepsie geschlagenen reinen Toren als Erlöser erscheinen zu lassen, der unter die Sünder gefallen ist. Im Hintergrund ist oft Holbeins Gemälde vom „Toten Christus im Grabe“ zu sehen, nicht von ungefähr ordnet sich die Tischgesellschaft bei General Jepantschin (Yorck Dippe) wie zum letzten Abendmahl.

Die Inszenierung besitzt eine starke Dynamik, die ei-nen die vierstündige Spielzeit vergessen lassen. Dazu trägt wesentlich bei, dass die Schauspieler sich zwischendurch Dostojewskis Roman schnappen, einfach mal ein Stück weiter lesen und dabei nicht selten wie Kommentatoren des Bühnenspiels wirken. Zwischen Text und Darstellung gelingen dabei ganz wunderbare Interaktionen. Und wenn das ganze greinende Pack bei seiner besinnungslosen Jagd auf das Gold am Ende des Regenbogens mal wieder zu lautstark wird, dann taucht Myschkin auf und bremst das Geschrei mit Sanftmut aus. „Devotion“ (Hingebung) steht auf den Holzkisten auf der Bühne, aber auch „Alien“. Bühnenbildnerin Muriel Gernster hat daneben Ladenlokale gebaut und riesige Lampen-Sortimente versammelt. Gespielt wird fast ohne Scheinwerfer.

Lina Beckmann aber in ihrem Büßergewand samt Jutebeutel überstrahlt alles. Wenn sie am Ende in einem langen Monolog noch einmal von Glück spricht und die Schönheit der Welt preist, Rogoshin derweil aber den Leichnam der aus Eifersucht gemeuchelten Filippowna herbeischleift – dann trifft einen das so schmerzlich, dass man weinen möchte.