"Er lebte hier in einer völlig anderen Welt"

Die beiden Fotoalben und die große Pappkiste sind wahre Schatzkästchen. Eckehart Baumann aus Zwickau-Planitz hat darin private Fotos aus der Jugendzeit des weltberühmten Schauspielers Gert Fröbe (1913 bis 1988) gesammelt.

Zwickau (dapd-lsc). Die beiden Fotoalben und die große Pappkiste sind wahre Schatzkästchen. Eckehart Baumann aus Zwickau-Planitz hat darin private Fotos aus der Jugendzeit des weltberühmten Schauspielers Gert Fröbe (1913 bis 1988) gesammelt. Auf die handgeschriebenen großformatigen Postkarten von verschiedenen Drehorten ist der 69-Jährige besonders stolz. Baumann ist Fröbes Neffe und lebt noch immer dem Haus, in dem der Schauspieler am 25. Februar 1913 zur Welt kam.

Ein Museum sucht man dort jedoch vergebens. Daniel Baumann, der 41-jährige Großneffe von Fröbe, betreibt stattdessen eine Drechslerwerkstatt in dem Wohn- und Geschäftshaus, das seit Generationen der Familie gehört. Mit dem großen Namen des Verwandten wirbt er nicht. Lieber macht er mit eigenen Arbeiten, darunter zahlreichen Designerstücken, auf sich aufmerksam.

Bis in die 1970er Jahre war Gert Fröbe regelmäßig Gast in seinem Geburtshaus. "Anfangs kam er aus dem Westen mit dem eigenen Auto, unter anderem einem Opel Kapitän", erinnert sich Eckehardt Baumann. Als das irgendwann für zu viel Aufsehen sorgte, habe der Schauspieler fortan immer den Interzonenzug genommen. Mit hochgeklapptem Kragen sei er trotz seiner stattlichen Figur kaum aufgefallen.

Einmal allerdings folgte die Volkspolizei mit Blaulicht dem Taxi, in dem Fröbe vom Zwickauer Hauptbahnhof in sein Elternhaus fuhr. Erst nach der Wende erklärte der Polizist den Grund für die Verfolgung: Er habe nur ein Autogramm des Schauspielers holen wollen, dafür das Blaulicht gesetzt und den Schauspieler samt seiner Familie damit ziemlich erschreckt.

"Gert kam heim und lebte hier in einer völlig anderen Welt", erzählt sein Neffe. Bei seiner Mutter Alma, die ihn "Sepp" nannte, und der Schwester Johanna habe er sich geborgen gefühlt. Er habe Holz gehackt und Fenster gestrichen, "wie ein ganz normales Familienmitglied". Starallüren seien ihm bei seinen Aufenthalten in Planitz fremd gewesen.

"Den Fußballanhänger zog es immer samstags ins Stadion", sagt Baumann. Als Onkel wollte Fröbe übrigens nicht betitelt werden, stattdessen nannte ihn sein Neffe "Lands". Woher der Begriff kam, das wisse niemand mehr. Fröbe habe auch in der Familie immer schauspielerisches Talent bewiesen. Schon auf Jugendfotos wusste sich der junge Gert zu inszenieren. Später habe er am Küchentisch vor seiner Familie ausprobiert, wie Film- und Bühneszenen vor Publikum wirken. "Lustige und traurige im spontanen Wechsel", erinnert sich Baumann. Selbst eine Unterwäschemodenschau habe Fröbe gut gelaunt einmal vor seiner Familie abgehalten.

Für seine Mutter hatte Fröbe einen BRD-Pass besorgt, so dass er sie jahrelang zu vielen Drehorten ins Ausland mitnehmen konnte. Nach ihrem Tod kehrte Fröbe nicht mehr in sein Geburtshaus zurück. Zur Familie pflegte er aber weiter enge Kontakte, wenngleich sämtliche Telefonate und die Post überwacht wurden. Die Stasi hatte in einem Elektroschaltkasten gegenüber dem Geburtshaus eine Abhöranlage installiert. Die kirchlich engagierte Familie stand ständig unter Beobachtung, wie Stasiakten beweisen.

Eckehart Baumann war Bausoldat, um den Dienst an der Waffe zu umgehen, wie er sagt. Trotzdem durfte er, der nach einem Arbeitsunfall vorübergehend Invalidenrentner war, später mehrfach seinen Onkel in Icking bei München besuchen. Dort residierte der Schauspieler in einer Villa und beschäftigte sogar einen persönlichen Schwimmmeister. "Es war ein ganz anderes Leben als in Planitz", sagt Baumann.

Bei der fünften Hochzeit Fröbes war der Neffe Trauzeuge im Ickinger Rathaus. An die Beisetzung Fröbes 1988 hat er hingegen weniger gute Erinnerungen. Es sei peinlich gewesen, dass Paparazzi die als Sichtschutz aufgestellten Lebensbäume umkippten und mit ihren Kameraobjektiven direkt am offenen Grab neben der trauernden Familie standen. Schauspielerkollege Heinz Rühmann habe erst mit einer Rose einsam Abschied von Fröbe genommen, als der gesamte Medienauflauf vorüber war, sagt Baumann, der noch immer regelmäßig die letzte Ruhestätte seines Onkels besucht.

Fröbes Sohn Utz, der in der Nähe von Seattle lebt, rufe ebenfalls noch regelmäßig in Planitz an - auch wenn es um Gert Fröbe längst stiller geworden ist. Anlässlich des 100. Geburtstags hat der Zwickauer Jugendkunstverein Kontraste nun eine Plakette gestaltet, die Baumann an das Geburtshaus des Schauspielers angebracht hat. Bisher fehlte dort jeglicher Hinweis auf den Schauspieler. Im Laden der Drechslerei hat der Neffe vier von Fröbe gemalte Bilder aus dem Familienbesitz aufgehängt und ein Porträtbild Fröbes aufgestellt, das sein Fan Martin Erler aus Duisburg über Umwege an die Familie schickte.

(Fröbes Geburtshaus im Internet: http://www.drechslerei-baumann.de/)

dapd

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