Enkelin Annika spricht über ihren Alltag mit Astrid Lindgren

Britta Heidemann
„Es ist schade“, schrieb Astrid Lindgren im Herbst 1939, „dass niemand Hitler erschießt.“
„Es ist schade“, schrieb Astrid Lindgren im Herbst 1939, „dass niemand Hitler erschießt.“
Foto: picture-alliance/ dpa
Als junge Frau schrieb Astrid Lindgren über Krieg, Hitler und die Geburt von Pippi Langstrumpf. Enkelin Annika Lindgren gibt die Tagebücher heraus.

Frankfurt/M. Sie hält einen Stapel unscheinbarer Büchlein in den Händen, in Leder gebunden und abgegriffen. Mit ihrem schüchternen Lächeln sieht sie ein wenig so aus, als würde sie die Aufregung nicht recht verstehen: Annika Lindgren, Enkelin von Astrid Lindgren, gibt jetzt die Kriegstagebücher ihrer Großmutter heraus. Mit Britta Heidemann sprach sie über ein außergewöhnliches Erbe und die Geschichte ihrer Familie.

Millionen Kinder auf der Welt würden sich wohl wünschen, Astrid Lindgren ihre Großmutter nennen zu können. Wie war das für Sie?

Astrid war sehr für uns da, immer. Bemerkenswert war, dass sie – im Gegensatz zu anderen Erwachsenen – uns Kindern auch Fragen gestellt hat, uns ernst genommen hat. Im Sommer haben wir nur wenige Häuser voneinander entfernt gewohnt, und in der Stadt gab es jeden Sonntag ein gemeinsames Essen mit der ganzen Familie.

Sie hat Ihnen auch vorgelesen, oder? Welche Geschichten mochten Sie besonders gerne?

Ja, sie hat uns sehr viel vorgelesen. Spannend war es, wenn die Bücher noch gar nicht gedruckt waren und wir frühe Fassungen zu hören bekamen. Die deutlichste Erinnerung habe ich daran, wie sie die Brüder Löwenherz vorgelesen hat. Und Michel mochte ich sehr!

Wann ist Ihnen eigentlich bewusst geworden, dass Ihre Großmutter berühmt ist?

Schon sehr früh. Wenn sie mit uns zusammen war, hat man ihr zwar nichts angemerkt. Als unsere Großmutter war sie einfach – unsere Großmutter. Aber immer, wenn wir in der Schule neue Lehrer hatten, mussten wir erzählen, dass wir Astrid Lindgrens Enkel sind und wie sie so ist. Später, als wir älter waren und zusammen in der Stadt unterwegs waren, bildeten sich manchmal richtige Menschentrauben, jeder wollte sie einmal in den Arm nehmen, mit ihr sprechen.

Dann mussten Sie Ihre Großmutter teilen...

Das war dann oft auch anstrengend. Manchmal war ich schon sauer oder auch eifersüchtig.

Hat sich das Bild, das Sie von ihrer Großmutter hatten, durch die Lektüre ihrer Tagebücher verändert?

Nicht grundsätzlich, nein. Die Tagebücher haben mir aber noch einmal verdeutlicht, wie engagiert sie war, politisch wie persönlich. Beeindruckt hat mich auch ihre geistige Gewandtheit, mit der sie sich einen Überblick über die Kriegssituation verschafft hat. Ich frage mich heute oft, wie würde sie die Dinge beurteilen? Was würde sie über Syrien schreiben, die unübersichtliche Lage in der Flüchtlingskrise?

Sie haben die Tagebücher herausgegeben. Gibt es etwas, das Sie bewusst ausgelassen haben?

Der redaktionelle Eingriff besteht nur darin, dass wir aufgrund des Umfangs gezwungen waren, die Zeitungsausschnitte wegzulassen. Wir haben aber alle abgedruckt, die sie beschrieben und kommentiert hat. Ansonsten haben wir wirklich nur Belanglosigkeiten ausgelassen. Die Tagebücher sind als Kriegstagebücher geführt worden, nicht als private Tagebücher.

Erwähnt wird aber trotzdem die Ehekrise, in der sich Astrid Lindgren und ihr Mann während der Kriegsjahre befanden.

Astrids Ehemann Sture ist schon 1952 gestorben und ich bin Jahrgang 1962, ich habe also keine direkten Erinnerungen an ihn. Es war damals so, dass Sture jemanden kennengelernt hatte und Astrid versuchte, dem entgegenzuwirken. Das war uns allen bekannt. Es hat aber auf das spätere Familienleben keinen Schatten mehr geworfen. Sie hat danach ja alleine gelebt und ist keine weiteren Beziehungen mehr eingegangen.

Es gibt viele traurige Jungen in Lindgrens Büchern. Als Mutter hat sie ihren unehelichen Sohn Lasse – also Ihren Vater – in seinen ersten vier Lebensjahren zu einer Pflegemutter in Kopenhagen gegeben und selbst in Stockholm gearbeitet. Hat Astrid Lindgren das belastet? Und wie war das spätere Verhältnis zwischen den beiden?

Sie war gezwungen, ihren kleinen Sohn wegzugeben. Meinen Vater hat diese Zeit sicherlich sehr geprägt, aber er hat darüber nie gesprochen. Die beiden, Mutter und Sohn, verband eine starke gegenseitige Liebe. Aber das Verhältnis war immer auch kompliziert. Ich denke schon, dass diese einsamen Jungenfiguren etwas mit dem großen Schmerz zu tun hatten, den Astrid über die Situation empfunden hat. Gerade, weil sie wusste, wie prägend die ersten Jahre sind.