"Em Vadda sei Blatz"

"Der tuet eso, als wenn er nünt g'wisset het!" Wie bitte? Wer des Alemannischen nicht mächtig ist, versteht wohl kaum, dass da jemand vorgibt, nichts zu wissen. Dabei weiß man doch, dass morgens, wenn man "grad nahogt" (sitzt) zum die "Zeidung z'lese" ein "Weggle mit Gsälz druff" (Marmeladenbrötchen) nicht fehlen darf.

Konstanz (dapd-bwb). "Der tuet eso, als wenn er nünt g'wisset het!" Wie bitte? Wer des Alemannischen nicht mächtig ist, versteht wohl kaum, dass da jemand vorgibt, nichts zu wissen. Dabei weiß man doch, dass morgens, wenn man "grad nahogt" (sitzt) zum die "Zeidung z'lese" ein "Weggle mit Gsälz druff" (Marmeladenbrötchen) nicht fehlen darf. Die Bedeutung solcher Wörter ist im alemannischen Sprachgebrauch noch sehr geläufig. "Dialekte sind auch heutzutage lebendig", sagt Ellen Brandner. An der Universität Konstanz erforscht die Linguistin gemeinsam mit zwei Doktorandinnen die Dialekte Südwestdeutschlands und der Schweiz.

"Dialekte sind natürliche Sprachen mit eigenen grammatischen Regeln", sagt Brandner. "Sie sind sogar wesentlich expliziter als der Standard". Den Standard bildet das Hochdeutsch. "Als die Duden-Zeit aufkam, wurden willkürlich Normen festgelegt", erklärt die Sprachwissenschaftlerin. Eine richtige oder falsche Sprache gebe es eigentlich nicht, denn Grammatik lasse viel mehr Varianten zu, als die Standardisierung vorgebe.

Diese verschiedenen Dialektvarianten untersucht Brandner in ihrem Projekt "Syn-Alm". Die Abkürzung steht für "Syntax des Alemannischen". Es soll ein Regelsystem für den alemannischen Satzbau herausgearbeitet werden, wobei sowohl Aussprache als auch die Wort- und Satzstruktur interessieren. Da sich Dialekte als gesprochene Sprache schnell wandeln, liefern sie Hinweise für das Hauptziel der Forschung, nämlich den generellen Aufbau und die Struktur der menschlichen Sprache.

Dialektsprecher sind begeistert

Das Forschungsprojekt stößt auf große Resonanz. Gemeinsam mit ihrem siebenköpfigen Team hat Brandner Fragebögen in Baden-Württemberg, im Elsass, im österreichischen Vorarlberg und der deutsch-alemannischen Schweiz verteilt. Das Thema ist spannend und wichtig, so sehen das mehr als 1.000 Dialektsprecher, die den Fragebogen ausgefüllt zurückgesandt haben. Oft war sogar noch ein Geschenk mit dabei. "Wir haben viele Bücher, zum Beispiel ein alemannisches Wörterbuch, von den Dialektsprechern zugeschickt bekommen", freut sich Ellen Brandner. Und das, obwohl die Dialektsprecher sich durch 14 Seiten voller Fragen kämpfen müssen. Manchmal kommen sie sogar persönlich vorbei, um Ideen und Meinungen loszuwerden.

Im Fragebogen sollen die Adressaten aus verschiedenen Dialektvarianten ihren eigenen auswählen und Sätze aus dem Hochdeutschen in ihren Dialekt übersetzen. So kann bei einer Unterhaltung über das Wetter zwischen "es soll noch ebbes Schnee gäwe", "noch a wenig Schnee", "noch a klons Schnele" oder "noch a bissle Schnee" ausgesucht werden. Die Befragten können aber auch ihre eigene Version aufschreiben. "Solche Satzkonstruktionen sind besonders aussagekräftig", erklärt die Projektleiterin. Auch Possessivpronomen wie "sein" oder "ihr" sind interessant. Wer sagt wann: "de Lena ihre Rad" oder "em Vadda sei Blatz"?

Erste Ergebnisse finden internationalen Anklang

Fragen zu Relativsätzen liefern bereits erste Ergebnisse. "Der Film, der da lief", "der Film, wo da lief" oder "der Film, der wo da lief" stehen zur Auswahl. Es zeigt sich, dass alle drei Varianten in verschiedenen Dialekten vorhanden sind und gesprochen werden. Im europäischen Vergleich tritt in der niederländischen Sprache ein ähnliches Phänomen auf. Aufgrund von europaweit angeglichenen wissenschaftlichen Standards in Bezug auf Forschungsmethode oder Datenanalyse können unterschiedliche Dialekte beziehungsweise Sprachen miteinander verglichen werden. Ziel ist es, ein internationales Syntax-Netzwerk zu bilden, um weitere Sprachübereinstimmungen herauszufinden. "Gemeinsam können wir die Feinheiten der Sprache erforschen", erklärt Brandner stolz.

Die Universitätsdozentin und Sprachforscherin wird bei ihrem Forschungsprojekt mit 429.000 Euro von der Deutschen Forschungsgemeinschaft unterstützt. Sechs Jahre lang soll das Projekt laufen, um aussagekräftige Ergebnisse zu erhalten. Die zweite Runde mit neuen Fragebögen soll noch im Februar beginnen.

dapd

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