„Elefantenmensch“ neu auf Dortmunds Bühne

Uwe Rohbeck (r.) als "Elefantenmensch" John Merritt. Der Schauspieler macht die Darstellung dieses unglücklichen Mannes zu einem Ereignis.
Uwe Rohbeck (r.) als "Elefantenmensch" John Merritt. Der Schauspieler macht die Darstellung dieses unglücklichen Mannes zu einem Ereignis.
Foto: Edi Szekely
Gleich zwei Schauspielpremieren erlebte das Dortmunder Schauspiel am Wochenende. Neu auf dem Spielplan sind „Der Elefantenmensch“ und „Verbrennungen“. Die sehr unterschiedlichen Stücke verbindet der Blick in den Abgrund der menschlichen Natur.

Dortmund. Sie scheinen auf den ersten Blick thematisch sehr weit voneinander entfernt, diese beiden Premieren am Wochenende im Theater Dortmund. Hier die Geschichte eines körperlich aufs Extremste verunstalteten Mannes zur Zeit der Jahrhundertwende in England. Und dort die Lebensgeschichte einer im libanesischen Bürgerkrieg gefolterten und vergewaltigten Frau, die bis zu ihrem Tod ein schreckliches Geheimnis mit sich herumträgt. Vielleicht aber ist es der Begriff des „Monströsen“, der als Bindeglied dienen könnte, weil er letztendlich in beiden Inszenierungen verhandelt wird.

Das Schauobjekt als Spiegel der Voyeure

John Merrick beispielsweise, der „Elefantenmensch“, ist als Schauobjekt schließlich nur der Spiegel, der die schaulustigen Voyeure mit ihrer eigenen Deformierung konfrontiert. Und Nawal in „Verbrennungen“ legt mit Körper und Geist Zeugnis ab von der Verrohung menschlichen Tuns in Kriegszeiten.

Regisseur Jörg Buttgereit, der sich in Dortmund zuletzt sehr einfühlsam mit dem Schicksal des nekrophilen Mörders Ed Gein („Kannibale und Liebe“) beschäftigt hat, beweist mit seiner Einrichtung des Broadway-Hits „Der Elefantenmensch“ erneut sein Fingerspitzengefühl für die vermeintlichen Freaks unserer Gesellschaft. Gleich mit dem „Herrrein…spaziert“ des Freakshow-Unternehmers Ross (Christoph Jöde) zu Beginn wird der Zuschauer zum gaffenden Jahrmarktsbesucher, der es gar nicht erwarten kann, die Haut- und Knochenverwachsungen des John Merritt zu erblicken. Der eher zierliche Uwe Rohbeck macht dabei die Darstellung dieses unglücklichen Mannes zu einem Ereignis: Eingesperrt in einen schweren Ganzkörper-Anzug gelingt es ihm, allein mit der Kraft der immer sicherer werdenden Stimme Merricks und dem Glanz seiner Augen, dem zarten Charakter dieses missgestalteten Wesens Gestalt zu verleihen.

Es entpuppt sich: ein Mensch!

Buttgereit, bekannt als Fan von Horrorfilmen und von David Lynchs Filmbiographie des „Elefantenmenschen“, erweist sich hier als überraschend subtiler Feingeist, der traumhaft genau den Ton mancher Szenen trifft. Vor allem jene, in denen Merrick mit der Schauspielerin Mrs. Kendall (Luise Heyer) zusammentrifft, die ihn sofort als ebenbürtigen Menschen akzeptiert und von seiner Rezitierkunst hingerissen ist. Oder auch am Ende, wenn er Merrick nicht den frühen Herztod sterben lässt, sondern ihn sich todes-symbolisch seines Körperanzugs entledigen lässt. Es entpuppt sich – ein Mensch.

Auf solch intensives Erleben wartet man bei Liesbeth Coltofs Einrichtung von Wajdi Mouawadsviel gespieltem Drama „Verbrennungen“ lange vergebens. Obwohl der Autor sich doch so sehr bemüht hat, seine Anklage gegen Krieg in jeder Form wie einen Thriller aussehen zu lassen. Er benutzt dazu das Schicksal von Nawal, der ersten Liebe und des ersten Kindes beraubt, im Bürgerkrieg gefoltert und vergewaltigt, die ihre Zwillings-Kinderin Kanada via Testament auf eine Reise in die Vergangenheit schicken möchte. Von einem Vater ist da die Rede, auch von einem unbekannten Bruder, unliebsame Entdeckungen scheinen nicht ausgeschlossen.

Rückblenden in Not und Elend

Man spürt, dass Guus van Geffens hell ausgeleuchteter lichter Bühnenraum einen harten Kontrast bilden soll zu den nun einsetzenden Rückblenden in Not und Elend. Leider lässt dieses Licht aber auch kaum Atmosphäre aufkommen, lenkt vielmehr die Aufmerksamkeit viel zu sehr auf Dialoge, die nach Manifest riechen und wenig mehr zu bieten haben als die Erkenntnis, dass der Krieg der Vater allen Unglücks ist. Allein Friederike Tiefenbacher, die Nawal durch alle Stationen eines Lebens spielt, schafft es, nicht nur Spielfigur zu sein, sondern auch ein Charakter.

Die nächsten Termine: 5., 14., 27. Dez. (beide Inszenierungen). Karten: 0231 / 5027 222

 
 

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