Eine Künstlersiedlung zwischen Idylle und Industriekultur

Foto: ddp

Gelsenkirchen. Die Künstlersiedlung Halfmannshof ist 1931 auf Initiative des Malers und Grafikers Josef Arens gegründet worden. Inzwischen ist die Gelsenkirchener Gruppe die wohl älteste durchgängig aktive Künstlersiedlung in Deutschland.

Die Künstlersiedlung Halfmannshof in Gelsenkirchen mag gerade im Winter etwas verschlafen oder in die Jahre gekommen wirken, doch der Hof besitzt eine einzigartige Geschichte. „Wir sind die älteste durchgängig aktive Künstlersiedlung in Deutschland“, sagt die erste Vorsitzende, Katja Langer. Die 32-Jährige lebt mit ihren beiden Kindern dort. 2005 zog die Fotografin aus Dresden in die Künstlersiedlung, wo sie zusammen mit elf weiteren Künstlern arbeitet.

Über eine Anzeige war die 32-Jährige auf den Halfmannshof aufmerksam geworden und hatte sich um Aufnahme beworben. „Ich schätze sehr, dass ich mit meinen Nachbarn über die Sachen unterhalten kann, die ich mache“, erklärt sie. Zudem sei es „hoch spannend, wie sich die Siedlung entwickelt“, betont sie. Gerade der „Spagat zwischen Idylle und Industriekultur“ habe die Entwicklung der Künstlersiedlung geprägt.

Der Garten als Ausstellungsort

Ein Rundweg führt entlang mehrerer Häuser, in denen die Künstler wohnen und ihre Ateliers haben. In den Gärten sind einige der Kunstwerke zu sehen, in den Ateliers können Arbeiten gekauft werden. Auch eine mittlerweile sanierungsbedürftige Ausstellungshalle gehört dazu, in der die Bewohner der Siedlung oder auch Gastkünstler ihre Werke präsentieren.

1931 war die Künstlersiedlung auf Initiative des Malers und Grafikers Josef Arens gegründet worden, mit sechs Gründungsmitgliedern startete das Projekt auf dem Gelände eines ehemaligen Bauernhofes. „Das war für eine reine Arbeiterstadt wie Gelsenkirchen eine ganz ungewöhnliche Aktion“, berichtet Langer. Nicht ganz unproblematisch war allerdings das Verhalten der Künstler in den Zeiten des Nationalsozialismus - die Verstrickungen mit den Mächtigen des NS-Reiches werden derzeit vom Institut für Stadtgeschichte erforscht. Zudem ist eine künstlerische Ausstellung zu dem Thema geplant, die im Oktober 2010 gezeigt werden soll.

Hochphase in den 60er Jahren

Ihre Hochphase erlebte die Siedlung in den 1960er Jahren. Zudem lockten die Feste der Künstlersiedlung damals viele Besucher an. Seit den 1980er Jahren verfiel die Siedlung dann in einen „Dornröschenschlaf. Wir haben zu sehr im eigenen Saft gebraten“, bedauert Heiner Szamida, der seit mehr als 25 Jahren als freischaffender Objektkünstler und Holzbildhauer in der Künstlersiedlung lebt. Die Zahl der Mitglieder im Freundeskreis Halfmannshof, die mit jährlichen Spenden die Arbeit der Künstler unterstützten, ist von 480 in den 1950er Jahren auf derzeit rund 15 Personen zurückgegangen.

Nun soll nicht zuletzt das anstehende Kulturhauptstadt-Jahr dafür sorgen, dass die Künstlersiedlung wieder stärker auf sich aufmerksam macht. „Gerade in Zeiten, wo immer mehr an der Kultur gespart wird, ist das wichtig“, sagt Szamida, der zweiter Vorsitzender der Siedlung ist. Immerhin sei das Interesse an der Künstlersiedlung in den vergangenen Jahren wieder etwas gestiegen, berichtet Holzbildhauer Jiri Hilmar (Foto ganz oben), der seit 1974 auf dem Halfmannshof lebt und arbeitet.

Holzbildhauer, Fotografen, Zeichner, Kunstschmiede und Buchbinder

Neben Holzbildhauern und Fotografen leben Kunstschmiede, Buchbinder oder Zeichner in der Künstlersiedlung. Seit 1989 gehört Barbara Echelmeyer dazu: Sie betreibt eine Keramikwerkstatt. Allerdings war die gebürtige Gelsenkirchenerin schon in ihrer Schulzeit regelmäßig in der Künstlersiedlung zu Besuch. Von 1983 bis 1986 absolvierte sie auf dem Halfmannshof ihre Lehre, einige Jahre später fragte ihre Lehrmeisterin sie, ob sie die Werkstatt übernehmen wolle.

„Ich schätze die Atmosphäre hier - dass ich Hilfestellung von anderen Künstlern bekommen kann“, sagt die Keramikgestalterin. Die Gemeinschaft sei auch deshalb so wichtig, weil die Wirtschaftskrise auch den Künstlern zusetze. „Gerade hier in Gelsenkirchen ist es in dieser Hinsicht nicht so einfach. Da braucht man oft noch andere Standbeine“, berichtet Echelmeyer. Deshalb leitet sie unter anderem regelmäßig Workshops, veranstaltet Kindergeburtstage in ihrer Werkstatt und betreut Projekte an Schulen.

Die Künstlersiedlung ist im Besitz der städtischen Tochter GWG - die Mieten sind sehr günstig, die Nutzung der Ateliers ist umsonst. Der Kulturdezernent der Stadt Gelsenkirchen, Manfred Beck, hofft, dass mit dem neuen Vorstand um Katja Langer und Heiner Szamida nun „neuer Schwung“ einzieht. „Wir prüfen derzeit, ob wir ein Stipendium ausschreiben, um junge Künstler hierhin zu holen“, sagt Beck. Das könnte die „Erneuerung“ im Halfmannshof vorantreiben - und der Einrichtung wieder etwas mehr „frischen Wind“ verleihen. (ddp)

 
 

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