Eine Kochtopfrevolution in Island

Britta Heidemann
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Essen. Staatspleite. Was bedeutet das eigentlich? Halldór Gudmundsson berichtet in seinem Buch „Wir sind alle Isländer”, wie der einstige Klassenprimus in die Krise geriet.

Staatspleite. Was bedeutet das eigentlich? Touristen, die die Läden leerkaufen, weil die isländische Krone nur noch halb so viel wert ist. Isländer, die aus Wut ihr Haus mit Bulldozern einreißen, weil sie den Euro-Kredit längst nicht mehr zahlen können.

Und wie fühlt die Krise sich an? Das erzählt Halldór Gudmundsson im erhellenden Büchlein „Wir sind alle Isländer” (btb-Verlag, 191 S., 14,95 €). Anhand kurzer Porträts schildert er, wie die Menschen jene Tage im Oktober 2008 erlebten, als die Isländer mit Töpfen und Kellen vor dem Parlament eine „Kochtopfrevolution” anzettelten. Ein Polizist erzählt, der von Demonstranten verletzt wurde, und eine Kindergärtnerin, die ihre Schulden nicht mehr bezahlen kann, aber auch Politiker, Künstler, Schriftsteller.

Höherschnellerweiter

Erst seit den 50er Jahren wurde Island ja reich, damals brachten US-Soldaten Geld und amerikanische Träume ins Land. Technischer Fortschritt machte Bodenschätze (Heißwasser!) besser nutzbar. Höherschnellerweiter, das schien garantiert. Heute aber sind die drei großen Banken des Landes – Kaupthing, Landsbanki und Glitnir – Synonyme für besonders riskante Deals. Und so ging den Isländern als ersten die Luft aus – wie dem Kanarienvogel, der einst Grubenarbeiter vor Gefahren warnte, alarmierten sie die Welt vor der Wirtschaftskrise (vergeblich).

Und jetzt? „Keine Ahnung, was die Zukunft bringt”, erzählt der Schriftsteller Hallgrímur Helgason in einem der Porträts: „Ich bin froh, dass wir gelandet sind. Jetzt ist Schluss mit all diesem Quatsch, jetzt wollen alle wieder Leberkäse und Lammfleisch und Wollstrümpfe und gute Bücher lesen.” (hei)