Eine Häkelnadel erkundet die Welt

Monika Willer

Schmallenberg.  Die Häkelnadel gilt als denkbar harmloses Werkzeug. Patricia Waller jedoch verwandelt sie in ein Instrument verstörender Welterkundungen. Mit Wolle und Nadel erschafft die Berliner Bildhauerin Objekte, bei denen die scheinbar kuschelige Anmutung des Materials im Widerspruch steht zu den schrecklichen Schicksalen, die diese Figuren erleiden. Arbeiten der Künstlerin sind jetzt im Kunsthaus Alte Mühle in Schmallenberg zu sehen.

Bugs Bunny wird von einer Gabel auf den Erdboden gespießt. Anders als im Comic überlebt er das nicht. Ein knallbunter Clown stimmt das Publikum trommelnd auf fröhliche Unterhaltung ein. Quer durch seinen Kopf ist ein Nagel getrieben. Patricia Waller ermöglicht mit ihren gehäkelten Skulpturen Kommentare zur Gegenwart, die von Widersprüchen angetrieben werden. Die scheinbar urweibliche Tätigkeit des Häkelns steht im Gegensatz zur Grausamkeit der Szenen, die Popularität der Motive aus der Massenkultur bildet einen Kontrast zum aufwendigen handwerklichen Schaffensprozess. „Ich muss ja das Material, das wir mit Heimeligkeit, Schutz, Wohlfühlen verbinden, in den Kunstkontext heben, und dazu muss ich es brechen“, schildert die 53-Jährige. „Es macht die Arbeiten noch brutaler, dass wir andere Assoziationen mit dem Material Wolle verbinden.“

Arbeit nur an einem Objekt

Die inszenierten Verletzungen sind kein Selbstzweck. Sie sollen keine voyeuristischen Gefühle beim Betrachter bedienen. Es geht der Bildhauerin vielmehr darum aufzuzeigen, wie präsent Gewalt in unserem Alltag ist, ohne dass man sich groß darum schert, und zwar Gewalt, der man ausgesetzt ist, die man selber ausübt, und die man zum Beispiel im Fernsehen genüsslich konsumiert. Auch Comics für Kinder sind brutal. „Aber im Comic ist Bunny unsterblich. Hier bleibt die Gabel stecken.“

Patricia Waller arbeitet nie an mehreren Objekten gleichzeitig. Eines nach dem anderen entstehen das weiße Kaninchen, das den Kopf des Zauberers aus dem Hut holt, die zersägte Jungfrau, die Hand in der Steckdose, der Maulwurf mit der Pflanzkelle im Schädel, Masche für Masche, Reihe um Reihe. „Sich in Zeiten der Massenproduktion ein halbes Jahr hinzusetzen, um so eine Arbeit zu häkeln, hat ja etwas Paradoxes“, sagt sie. „Wir können inzwischen auf den Mond fliegen, aber es gibt keine Häkelmaschinen. Das Meditative an diesem Prozess gehört zu meinem Leben.“

Immer enthalten Patricia Wallers Skulpturen auch ein Augenzwinkern, eine Portion Ironie. Die ist manchmal auf den Kunstbetrieb selbst gemünzt. Während ihrer Zeit als Stipendiatin in Paris hat sie ein üppiges Büfett kreiert, mit allen Schikanen wie gefüllten Eiern, Baguettescheiben, Hummerscheren, Käsehäppchen und einer Wurstplatte, in der die Fettaugen der Salami den Betrachter regelrecht anlachen. Die Installation wurde ausgestellt. Und das Pariser Vernissagen-Publikum hatte schon so ein gieriges Strahlen im Gesicht, bevor es begriff, dass die Delikatessen gehäkelt sind, täuschend echt zwar in den winzigsten Farbabstufungen, aber trotzdem Kunst. Auch heute noch weckt das Büfett Begehrlichkeiten. Patricia Waller: „Da ist jede Erbse angenäht, sonst fehlt hinterher die Hälfte.“

Eine Einzelausstellung pro Jahr

Für Schmallenbergs Kulturamtsleiterin Dr. Andrea Brockmann ist die Ausstellung Teil des Schwerpunkts „Textile Kunst“, ein Konzept, mit dem Schmallenberg Aufmerksamkeit erregt. 2018 wird das Festival „Textile“ zum zweiten Mal aufgelegt. „Bis dahin soll es jährlich eine Einzelausstellung mit prägenden Positionen zeitgenössischer textiler Kunst geben.“ Die Ausstellung „The show must go on“ mit Arbeiten von Patricia Waller wird am heutigen Freitag, 20. Mai, um 19 Uhr im Kunsthaus Alte Mühle in Schmallenberg eröffnet. Die Arbeiten sind bis zum 26. Juni zu sehen. Am 21. und 22. Mai wird eine Textile-Werkstatt zum Mitmachen im Lenneatelier angeboten.