Eine Geschichte der Gefühle

Ken Follett in Belchite, einem der Handlungsorte seines neuen Romans „Winter der Welt“.
Ken Follett in Belchite, einem der Handlungsorte seines neuen Romans „Winter der Welt“.
Foto: Olivier Favre / Lübbe
Heute erscheint Ken Folletts neuer Roman „Winter der Welt“ – der Mittelteil seiner Trilogie über Schönheit und Schrecken des 20. Jahrhunderts.

Essen.. In Deutschland wäre dieses Trümmerfeld wahrscheinlich umzäunt, mit Brettern vernagelt, mit Verbots- und Warntafeln verhängt. Dagegen stapfen, stolpern, streunen wir in der spanischen Provinz zusammen mit Ken Follett frei und ungehindert durch ein beklemmendes Monument des Krieges.

Wir sind am „Jahrestag“ gekommen, einem traurigen: Vergeblich hatten 7000 Angehörige der republikanischen Armee und der internationalen Brigaden versucht, das 50 Kilometer südlich von Saragossa gelegene Städtchen Belchite gegen die Einheiten des Faschistengenerals Franco zu verteidigen. Am 6. September 1937 war der Ort vollkommen zerstört. Die Ruinen stehen bis heute.

Willkür im Bürgerkrieg

„Belchite“, sagt Follett, der britische Bestseller-Autor, der den Part des Reiseführers zu einem der Schauplätze seines neuen Romans „Winter der Welt“ übernommen hat, „spielt eine wichtige symbolische und historische Rolle im Spanischen Bürgerkrieg.“ Im Roman sind die Belchite-Ereignisse noch aus anderem Grund wichtig: Hier erreichen Willkür und menschenverachtende Brutalität, mit denen Offiziere der Roten Armee und Mitglieder des russischen Geheimdienstes die internationalen Brigaden anführen und kontrollieren, einen bösen Höhepunkt. Was liebevoll gezeichnete und psychologisch überzeugend ausgestaltete Romangestalten wie der Engländer Lloyd Williams, der in Spanien für seine Ideale kämpft, oder der ebenfalls idealistische russische Offizier Wolodja Peschkow hier hautnah mitmachen, wird ihre Weltsicht für immer verändern.

Für Wolodja, für Lloyd bedeutet Belchite einen jener Wendepunkte, denen der überzeugte Sozialdemokrat (Labour Party) Follett schon im ersten Teil („Sturz der Titanen“) seiner Trilogie über das 20. Jahrhundert nachspürte: „Die Charaktere der Menschen“, sagt er, „ihre starken Emotionen und Obsessionen sind wichtiger als die Geschichte“.

Fakten penibel recherchiert

Die Fakten und Ereignisse der Jahre 1933 bis 1949 hat Follett wieder penibel recherchiert und von Experten überprüfen lassen. Machtübernahme, Russlandfeldzug oder Euthanasieprogramm, britische Faschisten und amerikanische NS-Unterstützer, der Krieg im Südpazifik, die Besetzung Berlins und der Beginn des Kalten Krieges – auf alles fällt der Blick. Doch diese gleichsam verwissenschaftlichte Geschichte liefert erneut nur den Rahmen, in dem sich am Schicksal der aus „Sturz der Titanen“ bekannten englischen, deutschen, amerikanischen, walisischen und russischen Familien (nunmehr in der zweiten Generation) das Panorama einer Epoche entfaltet: Wichtig sind nicht die Mächtigen, sondern die „normalen“ Menschen, die überall unter der Macht leiden oder diese anstreben, die reagieren, sich anpassen, verweigern, ihre Blick- und Verhaltensweisen ändern.

Die Detailgenauigkeit dieses grandiosen, gefühlsstarken Panoramas mündet in so etwas wie höchstmögliche Fairness. Woher stammt Folletts Empathie, seine Fähigkeit, so tief und vorurteilsfrei in die Gefühlswelt von Menschen jeglicher Couleur einzutauchen? „Nun, ich bin kein Engländer, sondern Waliser“, sagt er und meint Mentalitätsunterschiede. „Außerdem ist diese Fairness Grundbedingung für jeden glaubwürdigen Autor. Ich versuche nicht, die Leute zu belehren oder zu erziehen. Ich will ihnen einen Einblick in ihre eigene Geschichte geben, der weit über die vom Fernsehen vermittelten Einblicke hinausgeht.“

Der Abschluss von Folletts opulenter Generationensaga soll in zwei Jahren erscheinen. Dann geht es um die Jahre zwischen Mauerbau 1961 und Fall der Mauer 1989.

Ken Follett: Winter der Welt. Lübbe, 1022 S., 29,99 €

 
 

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