Ein Mann für jede Tonart

Sonja Biedebach

Man kennt ihn aus Kino-Hits wie „Der bewegte Mann”. Einem noch größeren Publikum wurde Rufus Beck als Vorleser der „Harry Potter”-Bände bekannr. Am 30.5. kommt der 50-Jährige nun mit dem Ein-Mann-Stück "Von der Erde zum Mond" in den Gasometer Oberhausen.

Hallo Herr Beck. Was macht Ihnen eigentlich mehr Spaß: Schauspielen oder Vorlesen?

Beck: Alles das, was ich mache, macht mir Spaß, sonst würde ich es nicht tun. Ich gehe immer auf die Bühne, um Menschen zu unterhalten, vielleicht sogar zu berühren. Man könnte sagen: Auf der Bühne ist man immer ein bisschen Verführer, Zauberer.

Sie zaubern vor allem mit ihrer Stimme, die Sie von jetzt auf gleich vollkommen verändern können. Wann haben Sie gemerkt, dass Sie ein Talent dafür haben?

Beck: Eher spät, bei einer Rundfunk-Produktion. Aus einer Spiellaune heraus ist da etwas entstanden, was mich selbst überrascht hat. Und dann kam Ende der 90er Jahre der Glücksfall mit den Harry-Potter-Büchern. Das war eine sehr gute Vorlage, und man hat mir bei der Umsetzung alle künstlerischen Freiheiten gelassen.

Dialekte spielen auch eine Rolle. Wie üben Sie die ein?

Beck: Ich übe gar nichts ein. Ich bin eher ein fauler Mensch. Es hat ja auch keinen Sinn, nur irgendwelche Dialekte und Idiome aneinander zu reihen. Es muss auch inhaltlich einen Sinn haben. Dafür braucht man Erfahrung und Musikalität. Und ich glaube, man muss ein ganz guter Schauspieler sein, um nur mit der Stimme Texte lebendig zu machen.

Als Schauspieler treten Sie am 30. Mai in Oberhausen wieder in Erscheinung. Was haben die Zuschauer bei dieser Produktion zu erwarten?

Beck: Eine One-Man-Show mit einer wunderbaren Handlung und schrägen Charakteren. In wie viele Rollen schlüpfen Sie an diesem Abend?

Beck: Es gibt fünf, sechs Figuren, die ich spiele. Gleichzeitig bin ich auch der Conférencier, der die Geschichte kommentiert und mit dem Publikum spielt.

Können Sie in wenigen Sätzen den Inhalt skizzieren?

Beck: Die Buchvorlage ist deshalb so außergewöhnlich, weil Jules Verne darin den Mondflug der Amerikaner fast auf den Tag genau 100 Jahre vorwegnimmt. Sogar den Ort und die Mittel sagt er 1865 voraus. Verne beschreibt die Amerikaner als technokratische Macht, als Anpacker-Nation, die eine Kanonenkugel zum Mond schießen wollen. Und dann kommt das alte Europa dazu: Ein Franzose wirbelt alles durcheinander, indem er sagt: Wenn ihr den Mond beschießt, dann macht doch die Kugel so groß, dass ich darin mitfliegen kann...

Sie sparen dabei nicht an ironischen Seitenhieben aufs aktuelle Weltgeschehen...

Beck: In dem Stück sind die Amerikaner so waffenverrückt, dass sie selbst in Friedenszeiten mit Bomben experimentieren. So sind sie doch bis heute. Am Ende der Veranstaltung sage ich immer: Man hat das Gefühl, dass sich in 140 Jahren nichts verändert hat. Man könnte meinen, es geht um George Bush. Aber Jules Verne hat zugleich einen liebevollen Blick auf die Amerikaner. Und das ist ein Kunststück. Verne war halt Optimist. Er hat gesagt: Die Technik wird uns in eine bessere Zukunft führen. Das sei mal dahingestellt.

Sie haben das Konzept entwickelt, führen Regie und haben auch die technische Umsetzung ausgearbeitet. Haben Sie sich bewusst einen Veranstaltungsort wie den Gasometer ausgesucht?

Beck: In meinem Leben suchen sich die Dinge meistens mich aus. So auch in diesem Fall. Ich habe mir den Gasometer schon angeguckt – das ist wirklich etwas Besonderes, vollkommen irre, so etwas habe ich noch nicht gesehen: ein Raum mit 110 Metern Höhe! Dieser Raum bildet ja quasi ein Universum ab. Das passt perfekt. Ich freue mich riesig.

Freut es Sie, dass Sie häufig Unterhaltung für die ganze Familie bieten?

Beck: Ja, denn das ist etwas Schwieriges. Aber ich glaube, wenn man Spielfreude hat und ein gewisses Talent, um Geschichten zu erzählen, dann kann man Kinder genauso packen. Auch, wenn die es heute gar nicht mehr gewohnt sind, 90 Minuten auf dem Hosenboden zu sitzen. Da finde ich es toll, wenn sie bei mir durchhalten. Als ich mit Harr Potter unterwegs war, hat das auch schon mal zweieinhalb Stunden gedauert. Das ist eigentlich eine Zumutung - aber es hat funktioniert. Das fühlt man sich ein bisschen wie ein Zirkusdompteur vor lauter kleinen, wilden Tieren (lacht). Das mag ich sehr.

Wer ist eigentlich Ihr liebster Vorleser?

Beck: Ich mag sehr gern den Ulli Pleitgen. Das ist ein ganz Großer. Auch von Jan Josef Liefers habe ich schon Gutes gehört. Aber ich mag vor allem die Älteren: Charles Brauer, Hans Korte, Christian Brückner. Das sind Leute mit viel Erfahrung. Die wissen genau, wann es nur kleine Nuancen braucht bzw. wann man dick auftragen muss.

Worauf kommt es denn genau an?

Beck: Man braucht Ruhe und Mut zu Pausen. Das A und O ist, den Zuhörer einzuladen, ihn zu packen. Er darf gar nicht merken, dass er zuhört, so sehr muss er in der Geschichte drin sein. Der Zuhörer muss dabei quasi einen Film vor seinen Augen sehen. Deswegen sage ich immer: Hörbücher sind Kino für die Ohren.

Wurde Ihnen auch viel vorgelesen als Sie klein waren?

Beck: Nicht in dem Maße, in dem ich meinen drei Kindern vorgelesen habe. Aber natürlich bin ich zu einer Zeit groß geworden, als es weder Computer oder Playstation gab. Nicht mal Fernsehen. Das haben wir zu Hause erst sehr spät bekommen. Und dann wurde Gott sei Dank vorgelesen.

Welches Buch hat Sie damals am meisten beeindruckt?

Beck: Als ich so elf, zwölf war, haben uns die Oberprimaner im Internat „Fänger im Roggen” vorgelesen. Das handelt von einem Jungen, der aus einem Internat abhauen will – das wollten wir dann auch alle.

Was denken Sie: Wie kann man Kinder an besten zum Lesen bewegen?

Beck: Wenn man möchte, dass Kinder sich Texte erarbeiten, muss man ihnen Inhalte geben, die sie spannend finden. Das können auch Comic-Hefte sein. Lesen muss trainiert werden. Es ist anstrengend. Man braucht Konzentration und Ruhe. Muße halt. Und das muss man üben. Leider geht gerade das immer mehr verloren, weil man den Kindern keine Zeit mehr lässt, auch mal Langeweile zu haben. Würden sie quasi mal den Nullpunkt des Nichtstuns erleben, würden sie vielleicht ganz von alleine zum Buch greifen. Eltern haben da natürlich auch eine Vorbildfunktion. Außerdem muss Lesen an erster Stelle Spa�� machen.

Wie viele Stunden am Stück können Sie maximal lesen?

Beck: Keine Ahnung. Ich bin nie heiser aus dem Studio gekommen, auch wenn es acht oder neun Stunden waren. Babys können ja auch die ganze Nacht durchschreien, ohne dass sie heiser werden. Leider.