Ein Knubbel Kunst

Ein kniehoher Knete-Knubbel bringt die Kunstszene der Region derzeit zum Kochen. Er kann in der Galerie der Hagener Künstlervereinigung Hagenring bewundert werden, aber nur von außen. Das Artefakt des Berliner Künstlers Reiner Maria Matysik steht dort einsam auf 100 Quadratmetern ansonsten leerer Fläche. Ausstellungsleiter Uwe Will fühlt sich von Matysik verhöhnt, weil dieser zu seiner Präsentation nur dieses eine Exponat mitgebracht hat.

Fünf Kilo Butter und ein Kalkfleck

Wir finden das eher amüsant als empörend. Denn es gibt in der Kunstgeschichte Schlimmeres als einen Haufen Knete. Zum Beispiel jene fünf Kilogramm Butter, die Joseph Beuys seinerzeit zur Fettecke gestaltete, um die allgemeine Transzendenz der Dinge zu demonstrieren. Ein Hausmeister entsorgte die Installation unbeabsichtigt. Die Landesregierung musste Schadensersatz zahlen. Und dann gibt es da noch die berühmte Dortmunder Putzfrau, die einen Kalkfleck von Martin Kippenberger blank putzte. So ist der legendäre Spruch „Ist das Kunst, oder kann das weg?“ entstanden.

Dass sich das Publikum von moderner Kunst veräppelt fühlt, hat Tradition. Seit die Impressionisten das Licht selbst zum Thema ihrer Werke machten, ist das Schimpfwort „Schmiererei“ als Qualitätsurteil im Umlauf. Weil die Welt aber ungerecht ist, kommen die „Schmierereien“ eines Claude Monet heute für 40 Millionen Euro unter den Hammer, und der schöne röhrende Hirsch bleibt liegen.

Alles eine Sache der Phantasie

Das Pikante am aktuellen Hagener Kunststreit ist nun die Tatsache, dass es Künstler-Kollegen selbst sind, die schäumen. Angesichts des Knete-Knubbels schmilzt der Humor dahin wie Beuys’ Butter in der Sonne. Unsere Leser lassen ihre Phantasie von dem Knetehaufen dagegen begeistert anregen. Sie interpretieren das Objekt als Ergebnis einer Kollision zwischen einem Schalke- und einem BVB-Fan, die urknall-ähnlich die Hagener Stadtfarben blau und gelb gezeugt hätte. Die Verwendung des Materials Knete sei ebenfalls in durchdachter Anspielung auf die Hagener Stadtkasse erfolgt. Persönlich finde ich, das Objekt ähnelt einem Horta, jenen hügelförmige Lebensformen also, die in der Serie Star Trek im Gestein des Planeten Janus VI beheimatet sind.

Möglicherweise liegen wir alle damit gar nicht so falsch. Denn Matysiks künstlerisches Konzept beruht laut Wikipedia auf der These, das Leben sei verbesserungsbedürftig und durch aktive konstruktive Evolution optimierbar.

Ein Knete-Haufen, der so viele Leute miteinander ins Gespräch bringt, hat sein Dasein sowieso bereits legitimiert. Ob es sich dabei um Kunst handelt oder nicht, ist doch völlig egal.

 
 

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