Eduardo Chillida und die herbe Anmut rostigen Eisens

Modell eines Windkamms von Eduardo Chillida
Modell eines Windkamms von Eduardo Chillida
Foto: WR
Das Kunstmuseum Pablo Picasso in Münster zeigt Skulpturen von Eduardo Chillida. Seine Plastik vor dem Bundeskanzleramt kennt jeder. Doch der baskische Künstler, der 2002 verstarb, war vielseitig.

Münster.. Manche Kunstwerke lassen uns verstummen. Eduardo Chillidas Windkämme gehören dazu. Wie aus der Urgewalt geboren wirken sie, und doch vermögen sie dort, wo sie der Künstler ins Urgewaltige der Landschaft fügte, kaum mehr, als sich für eine begrenzte Zeit zu behaupten – riesige Haken aus rostigem Eisen, sich biegend über dem tobenden Meer. Die beiden Chillida-Haken, die sich im politischen „Wind of Change“ vor dem Berliner Bundeskanzleramt fast zärtlich behaken, lassen die Wucht der urgewaltigen Werke an Spaniens wilder „nordischer“ Nordküste nur leise ahnen.

Mit Picasso und Miro gehört der baskische Künstler, der 2002 mit 78 Jahren starb, zu den bedeutendsten spanischen Plastikern. Keiner von ihnen hat schroffere Werke geschaffen, keiner von ihnen aber auch, ist man fast geneigt zu sagen, hat so sehr wie Chillida der Landschaft und der Lebenswirklichkeit seiner Heimat Ausdruck verliehen. Er kam in San Sebastian an der rauhen atlantischen Nordküste Spaniens zur Welt, er ist auch hier gestorben und hat den größten Teil seines Lebens in dieser Gegend, im Ort Hernani, verbracht. Hier trägt man dicke Jacken, bestimmen Stürme und Zyklone das Wetter während des größten Teils des Jahres. Und sieht man an diesen Küsten Chillidas viele Tonnen schwere „Windkämme“, die Gewächsen ähnlich auf die Steine montiert sind, fragt man sich nicht länger, wie Kunst in diesem öffentlichen Raum wohl auszusehen hätte. So, nur so kann sie geschaffen sein, eine beglückende, archaisch wirkende Symbiose.

Die Windkämme fehlen in Münster

An Standorten wie der Bucht von San Sebastian begründen sich somit auch die Proportionen im Werk Chillidas, die riesigen schwarzen Flächen und Tentakel, die bei Museumspräsentationen und auch an „gemäßigteren“ öffentlichen Standorten schnell übermächtig wirken.

Bei der Präsentation des Werkes Eduardo Chillidas im Münsteraner Kunstmuseum Pablo Picasso fehlen die riesigen, bis zu 11 Tonnen schweren eisernen Windkämme. „Der Boden hätte sie nicht getragen“, erklärt verschmitzt Ignacio Chillida, der Sohn. Er ist eins von acht Kindern des Künstlers und Kurator dieser Ausstellung, die aus Beständen der Fundacio Chillida im baskischen Hernani und aus der Fondation Maeght im südfranzösischen Saint-Paul de Vence zusammengestellt wurde. Mit der südfranzösischen Stiftung haben die Münsteraner schon häufiger kooperiert.

Ignacio ist gelernter Graphiker und Drucker, zusammen mit seinem Vater hat er unter anderem ein hier ausgestelltes Künstlerbuch zu Johann Sebastian Bachs „Kunst der Fuge“ angefertigt – eine Hommage übrigens, eine Ehrbezeugung, wie jetzt auch die ganze Münsteraner Schau eine solche Ehrbezeugung sein soll. Und man fragt sich, wie einer, der das brutale, rostige Eisen so schroff in die Natur stellte, einer sein soll, der andere bewundert und sich bei ihnen bedankt. Doch dieses Motiv, Sohn Ignacio unterstreicht es noch einmal, sei für seinen Vater sehr prägend gewesen.

Chronologisch aufgebaut

Die Münsteraner Ausstellung ist weitgehend chronologisch aufgebaut, zeigt die für wohl jede künstlerische Entwicklung im 20. Jahrhundert typischen frühen Akte und Abstraktionen, gelangt aber bald schon bei eisernen Gebilden an, die primitiven landwirtschaftlichen Geräten nachempfunden sind. Forchen und Pflüge vermeint man zu erahnen, eine frühe Verbeugung vor den hart arbeitenden Bauern im Norden Spaniens.

Ab Mitte der 70er Jahre arbeitete Chillida an den Windkämmen, und auch wenn die Realisierungsmöglichkeiten zunächst gering waren, plante er sie doch immer als Objekte in der Landschaft, nie als Auflagenwerke. Acht Kämme zeigt Münster als kleine, gleichwohl eindrucksvolle Bronzemodelle.

Verbeugungen vor anderen Künstlern

Und immer wieder Hommagen; auch an viele Unbekannte, denen gegenüber er Dank empfand. Hommagen aber auch an Bach, dem er ein Haus baute, dessen zahlreiche Halbrundungen eine ferne Ahnung des barocken Klangs sein könnten, an Goethe, dem er das Dach verweigerte: „Für ein Haus mit Dach ist Goethe zu groß“, erklärt sein Sohn. Es gibt zahlreiche Arbeiten auf Papier und mit Papier, Kollagen und „Gravitaciónes“, in späteren Jahren auch eindrucksvolle Bearbeitungen des luziden Alabasters - „sculptures grecques“, griechische Skulpturen hat er sie wegen ihrer „leuchtenden“ Materialeigenschaften genannt.

Das markante Chillida-Schwarz kommt spätestens bei den Kunstbüchern wieder ins Spiel, beim schon erwähnten Bach-Buch, wo Musiknoten-Notationen und zeichnerisches Werk zu faszinierender formaler Nähe gelangen. Oder auch beim Heidegger-Buch. Über dessen Entstehung weiß Ignacio zu berichten, dass sein Vater, der mit dem Philosophen befreundet war und ihn hoch schätzte, einen dicken Wälzer plante. Doch Heidegger hatte alles, was er für mitteilenswert hielt, in einer dünnen DIN-A-5-Kladde notiert. So erhielt auch das Chillida-Heidegger-Künstlerbuch dieses bescheidene Format. Eine Ehrenbezeugung.

Drei Räume des nicht übermäßig großen Münsteraner Museums sind übrigens weiterhin mit Picasso-Werken bestückt. Ihn ganz aus dem eigenen Museum zu entfernen, findet Ignacio, hätte seinem Vater nicht gefallen.

EURE FAVORITEN