Dortmunder Theater überrascht zu Beginn der neuen Spielzeit

Film im Theater: Szene aus „Einige Nachrichten an das All“ am Theater Dortmund.
Film im Theater: Szene aus „Einige Nachrichten an das All“ am Theater Dortmund.
Foto: wr
Das Dortmunder Theater hat sich in der letzten Spielzeit einen Namen gemacht durch mutige Inszenierungen abseits des Repertoir-Spielbetriebs. So wollen sie in der neuen Spielzeit offenbar weitermachen: Die Eröffnungspremiere jedenfalls verblüfft auf mannigfache Art.

Dortmund.. Tief durchatmen, und dann nichts wie raus aus diesem Theater! Aus einem Theater, das, ohne auch nur eine einzige auszulassen, alle, wirklich alle Fragen der Menschheit auf einmal zu stellen wagt. Das so gerade mal an einem genialen Scheitern vorbeigescheppert ist. Das jetzt ein Kino ist. Und das es irgendwann mal nicht mehr geben wird – schlicht, weil alles mal ein Ende hat.

„Einige Nachrichten an das All“ von Wolfram Lotz ist eine abgrundtief traurige und trostlos absurde Komödie. Die Dortmunder Schauspiel-Crew um den Regisseur Kay Voges muss sie allerdings schier zur Verzweiflung getrieben haben. Erst verweigerte sich ein Bühnenbildkonzept mit einstürzender Kulisse der praktischen Umsetzung. Dann der Gedanke, die Zuschauer auf einen externen Parcours zu schicken – ebenfalls verworfen (weil es ein Theater braucht, um das Theater zu sprengen). Endlich, nach Sichtung der Orte (u.a. Halde Haniel in Bottrop, Silbersee bei Haltern), die Entscheidung, die Orte mit Kamera ins Theater zu holen.

Einsam träumt ein Notenständer

So sieht das Publikum zum Dortmunder Spielzeitstart tatsächlich die „Nachrichten“ als Film, mit Titeln und Abspann, mit meist schönen Bildern (Kamera: Daniel Hengst) und einigen Längen. Schauspieler nehmen auf ihren Plätzen gar nicht erst Platz, einsam träumt ein leerer Notenständer. Erst wenn nach 90 Minuten ein Auto – das aus dem Film – mit Abblendlicht die Leinwand durchbricht, also die reale Welt Einzug hält, ist auch Zeit für die Schauspieler, „real“ eine fast endlose Rezeptur von Lebensmitteln herzubeten, die ebenfalls eines Tages aufhören zu sein, wie dieser Film. Also raus aus dem Kino? Kaum.

Kinder der Kinderonkologie

Dazu sind die Themen zu ernst. In Kapiteln wie „Der Raum dehnt sich aus“ arbeitet Lotz seine Liste ab. Es geht um unsere Position im Kosmos, schon wuseln weltraumschrottige Aliens durch die Szene. Um die Zusammenhanglosigkeit der Phänomene, also ihre Sinnlosigkeit, wie uns der „Alleinerziehende Klaus“ (Ekkehard Freye) vermittelt. Um die Ohnmacht der Sprache – Botaniker Rafinesque (Björn Gabriel) will eine Ursprache rückerfinden. Und immer wieder um das Verhältnis von Realität und Fiktion, also immer wieder um das Theater. Und eigentlich immer um den Tod. Schwester Irene (Eva Verena Müller) lässt „Kinder der Kinderonkologie“ die Weihnachtsgeschichte aufführen. Da schwelgt die Kamera in Überblendungen, dann führt die Schwester durch die weitere Filmhandlung.

Zwei unbesetzte Figuren

Durchgängig präsent erleben wir das wunderbar skurrile Figurenpaar Lum (Frank Genser) und Purl (Uwe Schmieder), zwei Behinderte, die sich in einem eigenen schwarzen Theaterkäfig dagegen wehren, nur Figuren zu sein, und zwar unbesetzte. Und dann ist da noch ein Interviewer in abgerissener Fliegermontur, der die Nachrichten, jeweils reduziert auf ein Wort, ins All versendet. Er interviewt die dicke Frau (Julia Schubert), der er dann aber das Wort verbietet, den Botaniker, der dem All „Mama“ mitteilt, den CDU-Politiker Pofalla (Ekkehard Freye) – der sagt „Bums“ – und Heinrich von Kleist, der soeben dem Wannsee wieder entstiegen ist.

Kleist, ach, sagt gar nichts.

 
 

EURE FAVORITEN