Dortmunder Grafit-Verlag feiert 25 Jahre Krimi-Karriere

Der Mann mit Hut und Trenchcoat ist nicht ganz echt, aber Ulrike Rodi und Verlagsgründer Rutger Booß (re.) sind es.
Der Mann mit Hut und Trenchcoat ist nicht ganz echt, aber Ulrike Rodi und Verlagsgründer Rutger Booß (re.) sind es.
Foto: Matthias Graben / WAZ FotoPool
Für den Dortmunder Grafit-Verlag lohnen sich Verbrechen seit 25 Jahren. Ein Gespräch mit der Verlegerin Ulrike Rodi über den Krimi-Boom seit den 90er-Jahren, über den Umsatzschwund durch den Wegfall von inhabergeführten Buchhandlungen und über 1500 unverlangt eingesandte Manuskripte pro Jahr.

Dortmund.. Wer sagt denn, dass sich Verbrechen nicht auszahlt? Am 19. Mai 1989 in Dortmund als Ein-Mann-Betrieb gegründet, ist der Grafit Verlag heute die renommierteste Krimischmiede in deutschen Landen – und der einzige Verlag, der ausschließlich von Verbrechern und Ermittlern lebt. Zum Jubiläum, das am Freitag mit einem Tag der offenen Tür gefeiert wird, nahm Jens Dirksen Verlags-Chefin Ulrike Rodi ins Verhör.

Grafit-Gründer Rutger Booß war zuvor beim hochgradig linken Pahl-Rugenstein-Verlag, verantwortlich für die Weltkreis-Krimis. Sollten die Grafit-Krimis Gesellschaftskritik mit anderen Mitteln sein?

Ulrike Rodi: Zuerst einmal: Grafit war nicht von vornherein als Krimiverlag gedacht. Daneben sollten auch kritische Sachbücher erscheinen. Dann war aber in der ersten Zeit nach der Gründung ein Hotelführer unser Bestseller. „Übernachten in der DDR“ hieß die erste Ausgabe, „Übernachten in den neuen Bundesländern“ die folgenden. Und Krimis bilden idealerweise ja immer noch gesellschaftliche Realität ab. Bei den Weltkreis-Krimis steckte allerdings vielleicht sogar die Idee dahinter, zu zeigen, dass ein System wie die Bundesrepublik nicht funktionieren kann. In den Büchern damals war es jedenfalls nicht die Polizei, die aufgeklärt hat …

Aber dann kam der Boom der Regionalkrimis.

Rodi: Wir wollten doch keine Regiokrimis machen!

Sondern?

Rodi: Gute Krimis. Wir wollten zeigen, dass deutsche Krimis genauso gut sein können wie zum Beispiel die angloamerikanischen. Die deutsche Krimilandschaft lag 1989 brach. Und wenn Sie in der Buchhandlung einen verlangten, wurde der fast noch unterm Ladentisch hervorgeholt, dem bildungsbürgerlichen Publikum waren Krimis ein Graus mit Groschenheft-Image, die gehörten immer noch in die Schmuddelecke.

Und was hat dann für den Krimi-Boom gesorgt?

Rodi: Viele Faktoren. Meines Erachtens hat aber entscheidend die TV-Entwicklung dazu beigetragen. Mit Einführung des Kabelfernsehens und der privaten Fernsehsender samt 24-Stunden-Programm mussten plötzlich viel mehr Sendeplätze gefüllt werden. Sehen Sie, bis 1989 gab es doch nur alle vier Wochen einen „Tatort“, dann kam der „Polizeiruf 110“ aus der DDR dazu. Und in den Vorabendreihen und wurden die Familienserien immer häufiger durch neue Krimiformate ersetzt. Das Klima für Krimis, egal, ob print oder im Film, änderte sich, man konnte zugeben, ein Faible für Krimis zu haben. So gesehen, sind wir genau zur richtigen Zeit gestartet.

Manche Autoren wie das niederrheinische Team Leenders/Bay/Leenders oder auch der Düsseldorfer Horst Eckert haben bei großen Verlagen angeheuert, die einkaufen können wie Bayern München. Schmerzt so etwas?

Rodi: Ja natürlich, das ist wie wenn lange Ehen auseinandergehen. Dabei sind es ja Autoren, die mit uns groß geworden sind und es ohne uns möglicherweise nicht wären. Andererseits sind uns aber auch viele Autoren wie Gabriella Wollenhaupt aus Dortmund über all die Jahre treu geblieben. Wir sehen uns nach wie vor als Autorenverlag, es passiert eigentlich alles auf einer sehr persönlichen Ebene, wir legen sehr viel Wert auf ein gutes Lektorat. Wir sind nicht nur eine Veröffentlichungsplattform, sondern ein Gemeinschaftsbetrieb.

Sie waren mal zu sechst im Verlag, heute sind Sie zu viert. Die Umsätze erreichen auch keine Millionenwerte mehr wie früher.

Rodi: Ja, die Umsätze bereiten uns ein wenig Bauchschmerzen, da will ich gar nicht drum herumreden. Sie müssen sehen, dass die Anzahl der inhabergeführten Buchhandlungen in den letzten zehn Jahren um ein Viertel gesunken ist, da bleiben die Umsätze unweigerlich auf der Strecke. Und das können wir auch mit E-Books, bei denen wir sehr aktiv sind, nicht wieder ausgleichen. Umso mehr würde ich gern bis zur Rente noch mal einen Riesenerfolg landen.

Und deshalb lesen Sie bei Grafit auch unverlangt eingesandte Manuskripte? Andere Verlage beantworten so etwas ja längst mit einer Standardabsage.

Rodi: Nein, bei uns kriegt jeder eine Antwort, auch wenn es manchmal länger dauert. Wir bekommen zwischen 1000 und 1500 Manuskripte pro Jahr zugeschickt. Aber weil wir die lesen, entdecken wir auch immer noch neue Autoren wie Lucie Flebbe, die gerade eine steile Karriere macht. Oder Christiane Höhmann, die einen großartigen Provinzkrimi geschrieben hat, der jetzt im Oktober erscheint.

Lesen Sie selbst eigentlich auch etwas anders als Krimis? Gedichte vielleicht?

Rodi: Nee, Gedichte waren noch nie mein Ding. Im Urlaub nehme ich aber immer 15 bis 20 Bücher mit. Und zwei, drei davon, sind keine Krimis. Das sind dann Bücher, die mir empfohlen wurden oder die mir durch Besprechungen aufgefallen sind. Oder Bücher von Lieblingsautoren wie Tom Wolfe zum Beispiel.

Und Sie sind die Krimis nie leid?

Rodi: Natürlich hat man auch oft ein Déjà-vu und kennt die eine oder andere Wendung. Aber ich staune immer noch über neue Nuancen, auf die jemand kommt. Ich denke selbst bei „fremden“ Krimis manchmal noch: „Wow!“

Wieso heißt der Verlag eigentlich Grafit?

Rodi: Anfangs sollte er einen Namen bekommen wie Booß Verlag oder Von der linken Ruhr oder so was. Aber dann sagte der „stern“-Reporter Werner Schmitz: „Mach was Griffiges!“ So ist man dann auf Grafit gekommen, damals noch ganz bewusst falsch geschrieben. Aber wir waren ja nur der Zeit voraus, heute ist es durch die Rechtschreibreform wieder richtig. Und wir werden auch heute noch manchmal als Graffiti-Verlag angeschrieben. Eine Assoziation, mit der wir durchaus leben können.

 
 

EURE FAVORITEN