„Don Karlos“ und das zeitlose Intrigengewebe

Torsten Flassig (Don Karlos) und Jürgen Hartmann (Philipp II.)  im Bochumer „Don Karlos“.
Torsten Flassig (Don Karlos) und Jürgen Hartmann (Philipp II.) im Bochumer „Don Karlos“.
Foto: Diana Küster Diana Küster
Jan Neumanns Inszenierung von Schillers Klasiker am Schauspielhaus Bochum wird getragen von einem starken Ensemble. Und irrt ein wenig umher

Bochum. „Sire, geben Sie Gedankenfreiheit!“ Marquis von Posas energisch vorgetragene Bitte an den spanischen König Philipp II. diente Generationen von Schülern als Steilvorlage für leidenschaftliche Pamphlete gegen Diktaturen und totalitäre Systeme aller Art. Auch Regisseur Jan Neumann stellt Schillers berühmten Satz in den Mittelpunkt seiner Inszenierung des „Don Karlos“, den er am Bochumer Schauspielhaus auf die Bühne bringt. Getragen wird die Aufführung von einem starken Ensemble, das manche Länge und ein nicht ganz schlüssig wirkendes Regiekonzept vergessen macht.

Zwischen Liebesraserei und Kalkül

Es gibt keinen Halt in dieser Welt, alles steht auf dem Kopf. Des Königs Palast im Bühnenbild von Dorothee Curio sieht aus wie ein moderner Wolkenkratzer kurz vor seiner Fertigstellung. Der hölzerne Thron steht zwischen Überwachungskamera und Bauzaun, dahinter eine riesige Spiegelwand, davor eine etwa drei Meter hohe Rampe, auf der die Schauspieler unablässig hinaufhechten und wieder hinunterkrachen. Wer einmal oben angekommen ist, kann sich dort nicht sicher sein, sondern landet allzuschnell auf seinem Hosenboden, das war am spanischen Hof des 16. Jahrhunderts nicht anders als auf heutigen Büro-Etagen.

Schnell wird klar: Regisseur Jan Neumann will vor allem das Macht- und Intrigengewebe in Schillers Tragödie als zeitlos aktuelles Spiel darstellen und verfällt dabei in eine mitunter plakativ wirkende Zwangsaktualisierung. Während die Kostüme ganz das Historiendrama herausstreichen und die Damen in riesigen Reif­röcken auftreten, werden im Hintergrund Bilder der Berliner Zentrale des Bundesnachrichtendienstes projiziert und die Gemälde sämtlicher Bundeskanzler ausgestellt. Davor fährt eine leuchtende Plastikpalme hin und her, eine Neonreklame macht Werbung für den König und die Szenerie wird in buntes Discolicht getaucht.

So ganz mag das alles nicht zusammenpassen. Vielleicht liegt es am übergroßen Respekt vor dem Text, die Neumanns Regie-Ideen unentschlossen und letztlich farblos wirken lassen. Seine Schauspielerführung hingegen ist eine echte Augenweide. Neben dem souveränen Jürgen Hartmann als König Philipp laufen vor allem die jungen Kräfte im Ensemble zu großer Form auf und stellen sich Schillers ja durchaus verzwickten Versen mit Leidenschaft.

Daniel Stock gelingen als Posa Auftritte, die in Erinnerung bleiben. Als eine Art frühzeitiger „Whistleblower“, als Intrigant mit ehrenwerten Absichten tut er alles für seinen Freund Don Karlos, gerne auch „Karl“ genannt. Diesen gibt der junge Torsten Flassig mit ganzer Kraft als Getriebenen, der zerrissen wird zwischen Liebesraserei und dem politischen Kalkül seines übermächtigen Vaters. Wenn Karlos nicht mehr weiter weiß, dann verkriecht er sich in einem Sandhaufen. Sehenswert sind zudem Juliane Fisch als rasende Elisabeth – und insbesondere Minna Wündrich: Ihre Prinzessin von Eboli ist das tragischste Geschöpf dieser Aufführung, das von ihr ganz ausgezeichnet gespielt wird.

Viel Beifall.

 
 

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