Die Zukunft ist bewegt

Für seine Arbeit als "Elektrischer Reporter" erhielt der Düsseldorfer Journalist Mario Sixtus 2007 den Online-Grimme-Preis. Markus Hündgen sprach mit ihm über die Zukunft der Videos im Internet und das Ende des Fernsehens.

DerWesten: Wann wird der Elektrische Reporter über das Begräbnis des Fernsehens berichten?

Sixtus: Ich weiß gar nicht, ob es ein Datum geben wird. Das Fernsehen ist nach wie vor unschlagbar bei Live-Ereignissen. Aber gerade für junge Leute, die es gewohnt sind, im Internet zu navigieren und dort selbständig unterwegs sind, ist das Fernsehen eine Art Bevormundung. Da sagt ein Programmdirektor: „Lost“ läuft auf ProSieben um 20.15 Uhr. Wie absurd ist das eigentlich? Die Bequemlichkeit, die Macht über den Start- und Stop-Button zu haben, wird sich durchsetzen. Das programmierte Fernsehen, vermute ich, wird zu einem Medium für die Alten und die Dummen.

Können Sie das mehr differenzieren? Videos im Fernsehen einerseits und Videos im Internet andererseits...

Der Unterschied ist im Moment nur eine technische Hürde. Sowohl bei der Glotze im Wohnzimmer als auch auf dem Laptop handelt es sich eigentlich um digitale Formate. Im Hintergrund liegt immer eine digitale Datei. Im Moment gibt es aber noch keine knackige Lösung, Filme aus dem Internet auf die heimische Glotze zu zaubern. Die bisherigen Lösungen von Apple und Microsoft haben nicht gezündet. Es wird aber irgendwann eine zündende Lösung kommen. So etwas wie den Ipod. Der hat Leute, die so was noch nie gemacht haben, dazu gebracht, mp3s zu kaufen. Und dann haben wir plötzlich eine ganz andere Situation. Dann werden die etablierten Fernsehsender mit der gleichen Fernbedienung wie die Clips im Internet gestartet – oder eben weggeklickt.

Ändert sich auch etwas an den Formaten oder wird dann Fernsehen für das Internet produziert?

Das denke ich auf jeden Fall. Im Internet kann man eine exaktere Zielgruppe ansprechen. Man ist selbst als Spartensender im Fernseh-Bereich darauf angewiesen, den kleinsten gemeinsamen Nenner zu berücksichtigen. Ein bisschen für die Alten, für die Jungen, für Informierte, für Nicht-Informierte. Dann kommt ein Mittelmaß heraus, dass niemand wirklich toll findet. Im Fernsehen gibt man sich vielleicht nach zehn Minuten zappen mit dem Mittelmaß zufrieden. Auf einem Privatkanal, wo irgendeine Super-Nanny nervige Blagen bemuttert. So ein Format würde man sich im Netz aber nie suchen, nie konsumieren. Man ist aktiv im Netz unterwegs und überlegt sich: Lade ich mir diesen Kram jetzt herunter oder schaue ich mir das im Browser an. Da ist eine größere Hürde zu nehmen. Deswegen wird sich das Mittelmaß, dass wir gerade vom Privatfernsehen kennen, auf gar keinen Fall durchsetzen. Das sieht man z.B. daran, dass hochqualitative Serien, die eine lange Story-Arc (Anm.: fortlaufende Handlung) haben, z.B. Lost, es sehr schwer haben im Fernsehen. Aber als DVDs, was wiederum ein Pull-Markt ist, der große Renner sind. Hier unterscheiden sich der Push- und Pull-Markt stark. Siehe die Einschaltquoten. In den oberen zehn Plätzen hat man diese ganzen komischen Mittelmaß-Dinger. Zum Rumzappen und zurücklehnen reicht das. Wenn ich aber aktiv entscheide, was ich sehen will, greife ich zu den Qualitätssachen. Das ist im Zeitschriftenmarkt übrigens nicht anders.

Können Zeitungsverlage den Fernsehsendern im Internet Paroli bieten?

Auf jeden Fall. Das sieht man jetzt auch bei den Nachrichtenfilmchen, die Reuters produziert und die auf jeder Nachrichtenseite kleben, als gäbe es dafür eine Verpflichtung. Die sind sehr allgemein produziert, oftmals tagesaktuell und morgen oft wieder vergessen. Zeitungsredaktionen haben genau dort eine Chance, wo sie sich von den Massengedanken lösen und eigene Wege ausprobieren. Das kann im regionalen Bereich sein, wo die Agenturen nur wenig unterwegs sind oder im Bereich von speziellen Themen. Vor allem hoffe ich, dass sie sich von den Anderthalb bis Zweiminütern verabschieden und sich auch mal Zeit nehmen. Ich halte es für ein Gerücht, dass bloß weil die Top100-YouTube-Videos Zweiminüter sind, Videos mit einer Länge von 20 Minuten nicht geguckt werden. Um den Nutzern eine Brücke zu bauen, sollte man die Videos zum Download anbieten. Es ist wie beim Text: Früher hieß es, dass im Web keine langen Texte gelesen werden. Heute wissen wir, dass das nicht stimmt. Für viele ist es derzeit noch ungewohnt, Videos im Netz zu sehen. Die Älteren werden sich mit Zweiminütern zufrieden geben, die Jüngeren werden auch mal einen Halbstünder erwarten.

Die Zeitungsverlage in den USA setzen inhaltlich verstärkt auf extrem lokale Geschichten und versuchen die Linearität des Mediums Video aufzubrechen – ein Vorbild für deutsche Verlage?

Genau das ist das große Alleinstellungsmerkmal gegenüber den Agenturen, die nur Massenware produzieren. Genau da kann eine regionale Zeitung in die Tiefe gehen und Hintergründe liefern.

Das Internet ist ein visuelles Medium. Ist der Siegeszug von Videos im Web noch aufzuhalten?

Text und Videos können sich hervorragend ergänzen. Beispielsweise eine geschriebene Reportage der Washingtonpost, in welcher Videos eingebettet waren. Ganz wie Fotos. Die Videos hatten aber keine eigene Handlung, sondern gaben nur die Atmosphäre wieder. Wie sieht es dort aus – Leute, Straßencafe, Autoverkehr. Schon war man viel tiefer in der Geschichte drin. Das war eine Ebene mehr. Gelesen wird im Web immer. Videos kosten dummerweise Zeit. Einen Text überfliegen und an einer interessanten Stelle hängen bleiben ist sehr komfortabel.

Die klassische Linearität der Videos aufbrechen, der Nutzer entscheidet über die Reihenfolge, in der er eine Geschichte erlebt. Non-lineares storytelling. Eben das, was die Washingtonpost macht. Wäre das ein Weg, der auch in Deutschland gangbar wäre?

Da ist es technisch noch viel zu klären. Ich bin mal auf fora.tv gestolpert, das ist eine hochinteressante Sache. Da gibt es halt Filmvorträge von irgendwelchen Wissenschaftlern und Vordenkern. Die haben dort tatsächlich eine Technik, wie man ein stundenlanges Vortragsvideo nach Keywords durchsuchen kann. Superklasse. Und dann stellt man fest, die Minuten 27 bis 29 sind genau die Stellen, die mich interessieren. Und die kann ich dann nicht nur anspringen sondern auch verlinken und per E-Mail verschicken. Die Empfänger landen dann direkt bei Minute 27, wo das Interessante gesagt wird. Da kommt noch einiges. Wenn man dann direkt irgendwelche Kapitel anwählen kann, ist das wesentlich komfortabler.

Es gibt derzeit Online-Journalisten, Video-Journalisten und Print-Journalisten. Wie wird sich das in Zukunft entwickeln? Wird es irgendwann die eierlegende Wollmilchsau geben?

Ich denke nicht, dass jeder Journalist zum Ein-Mann-Multimedia-Team morpht. Aber im Hinterkopf wird es jeder Journalist haben, dass seine Produktion auf mehreren Kanälen läuft. Ein Schreiber sollte im Hinterkopf haben, dass sein Text von der Video-Abteilung vielleicht auch als Off-Text für ein Video genutzt wird. Und dann auch die Fähigkeit haben, daraus einen Off-Text zu schrauben, die Sätze einzudampfen. Ich denke, dass es eher einen Mentalitätswechsel geben wird. Aber Spezialisten wird es trotzdem geben. Ich bin z.B. ein lausiger Kameramann, weil ich von der Redaktion komme. Und ich werde niemals ein brillanter Kameramann. Aber ich habe auch nicht den Ehrgeiz dazu. Es gibt genug brillante Kameramänner. Und die werden nicht aussterben.

Ein großer Faktor beim Produzieren von Videos ist die Technik, die auch zunehmend mehr Arbeitszeit in Anspruch nimmt. Leidet gerade im Internet die Qualität darunter?

Es gibt grausame Beispiele. Gerade Online-Videos aus Zeitungsredaktionen, wo man dann wirklich merkt: Ok, da ist der Praktikant losmarschiert. Und der hat keine Schulung bekommen, der wusste auch nicht, wie man schneidet. Das macht der dann halt mitten in den Sätzen. Das ist furchtbar. Natürlich kostet das Geld. Zeit kostet Geld, Equipment kostet Geld. Und das muss man als Redaktion wissen. Sonst sollte man es vielleicht auch gar nicht erst probieren. Aus Münster hab ich mal was gesehen. Da hab ich gedacht: Das kann doch nicht... Einerseits brechen die Umsätze im Print weg, andererseits kosten die neuen Sachen Geld. Auch Video-Journalisten kosten Geld.

Die Landesmedienanstalten überlegen derzeit, Video-Angebote im Netz unter Lizenzpflicht zu stellen. Müssen wir bald alle eine Fernsehlizenz beantragen?

Ich halte das für ein Sommerlochthema. Für ein unausgegorenes Gewäsch alter Männer, die das Netz nicht begriffen haben. Eine Video-Datei ist und bleibt eine Video-Datei. Sollte ich für das Hochladen in Deutschland eine Lizenz benötigen, lege ich die Datei auf einen Server in Neufundland. Und dann kann man mich mal. Leute, die so ein Thema auf den Tisch legen – da merkt man, in welcher gestrigen Welt die leben. Das ist Unfug. Da wird gesagt, Videos die gleichzeitig von soundsovielen gesehen werden, müssen anders behandelt werden, als Videos, die zum Abruf bereit liegen. Was für eine bekloppte Unterscheidung. Das sind alles Schattengefechte. Das ganze ist Getröte von Leuten, die im europäischen Kontext nichts zu sagen haben. Eigentlich werden wir aus Brüssel regiert. Ich kann mir nicht vorstellen, dass diese Provinzpolitiker da überhaupt gehört werden.

Welche Auswirkungen hätte das für den Video-Boom im deutschen Internet?

Nach der gleichen Logik müssten Kopiergeräte oder Druckerpressen mit einer Lizenz belegt werden. Ich halte das für einen Sturm im Wasserglas von alten Männern. Ich kann es mir auch nicht vorstellen wie es technisch gehen sollte. Dann lege ich meine Videos bei YouTube ab, da sind sie dann auf Google-Servern. Sollen die Medien-Hanseln nach Palo Alto gehen und da klingeln. Solcherlei Getröte ist aber exemplarisch für das Verständnis dieser Leute, die aus einer Medienwelt des 20. Jahrhunderts kommen.

Brauchen wir deswegen eine Landesmedienanstalt 2.0 – oder gar keine Landesmedienanstalt mehr?

Ich beantworte das mal so: Ob wir die Landesmedienanstalten noch brauchen - DAS ist eine gute Frage...

Das Gespräch führte Markus Hündgen .

Bei Westropolis finden Sie zudem einen Videobeitrag, u.a. mit Sixtus Dankesrede bei der Verleihung des Online-Grimme-Preises 2007.

 
 

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