Die Zukunft des klassischen Konzerts

Das Festkonzert zum Zehnjährigen der Philharmonie im Saalbau in Essen.
Das Festkonzert zum Zehnjährigen der Philharmonie im Saalbau in Essen.
Foto: WAZ
Quo vadis klassisches Konzert? Ein Gespräch mit Gerald Mertens von der Deutschen Orchestervereinigung über Chancen und Veränderungen im Konzertsaal.

Als Geschäftsführer des Berufsverbandes Deutscher Orchestermusiker (DOV) muss Gerald Mertens nicht nur das Konzertpodium der Gegenwart im Blick haben. Wie lange noch werden sich Menschen zusammenfinden für Beethoven und Brahms? Wie prägen digitale Welt und eine alternde Gesellschaft die Klassik, fragte ihn Lars von der Gönna.

Hat sich schon jetzt etwas geändert im Alltag des klassischen Orchesters im Vergleich zu früher?

Mertens: Wir hatten früher weniger Vielfalt: Es gab das klassische Sinfoniekonzert, Kammermusik und Kinder- oder Familienkonzerte. Das Portfolio konnte man bis in die 90er an einer Hand abzählen

Weichen die Grenzen auf?

Nein, es wird einfach viel differenzierter. Nach wie vor spielen die Berliner oder die Essener Philharmoniker vor treuem Publikum ihre Beethoven-Sinfonie, und das wird auch so bleiben. Aber: Es gibt eine enorme Vielfalt von neuen Konzerten mit Moderation, solche mit Video-Einspielung. Es gibt solche, die ein zeitgenössisches Stück zwei Mal hintereinander spielen.

Wozu solche Formen?

Die Orchester und Konzerthäuser fragen sich stärker: Wie kriegen wir das Publikum der Gegenwart und der Zukunft besser angesprochen? Man arbeitet viel mehr für Zielgruppen. Nehmen Sie nur, wie sich das Kinderkonzert gewandelt hat: Heute reicht da die Bandbreite vom Krabbelkind bis zur Pubertät. Es gibt sogar Konzerte für Schwangere und Stillende!

Engagiert man sich mehr, weil es in den Familien weniger selbstverständlich ist, auch in Schulen nicht, dass „man“ ins Konzert geht?

Wir haben in Deutschland 38 000 allgemeinbildende Schulen. Was dort an Musikunterricht ausfällt, können 131 Kulturorchester und Konzerthäuser nie im Leben auffangen. Wir reden also nicht von Ersatz für Musikunterricht. Aber natürlich hat ein Orchester heute ein großes Interesse, seine Bedeutung für die Stadt oder die Region unter Beweis zu stellen. Konzerte für junge Hörer gehören unbedingt dazu. Der Bildungsauftrag, den ein öffentlich gefördertes Orchester hat, ist stärker in den Blickpunkt gerückt. Früher sprach man eigentlich nur vom Kulturauftrag.

Wir wissen, dass die Fähigkeit zur Aufmerksamkeit sinkt. Orchester reagieren mit Videos, Zwischenmoderationen, Happy-Hour-, After-Work, Lunch-Konzerten – wird die Jahrtausend-Musik eines Bach oder Bruckner nicht verwässert mit solchen mundgerechten Formaten?

Die Kunst, um die es dort geht, das sind Klassiker, die einen immer noch berühren. Aber genau da muss man fragen: Wie schaffen wir es, dieses Feuer durch die Art der Aufführung weiter brennen zu lassen? Ich kann aber nicht das Niveau herunterfahren, nur weil nach 15 Minuten die Aufmerksamkeit sinkt. Eine gute Zeitung fängt ja auch nicht an, darum zu fordern: Kein Text länger als drei Sätze. Wir schmeißen nicht mit dem Speck nach Mäusen, nur damit die Leute nicht weglaufen. Die Inhalte müssen hochwertig sein. Die Frage ist dann: Wie kriege ich Menschen, die die Welt der Sonate nicht kennen, dazu, sich zu begeistern? Die Musik muss pur bleiben.

Zig Festivals, Klassik-Events, Konzerte in allen Regionen: Ist die Klassik-Krise gar nicht so groß, haben wir vielmehr ein zu großes Angebot? Also ein Luxusproblem?

Die ganze Welt, selbst europäische Nachbarn, schaut neidisch auf unsere Orchesterlandschaft. Das ist kulturelle Identität und ein internationales Alleinstellungsmerkmal. Dieser Maßstab sollte uns leiten. Der Satz „Deutschland ist, wenn man mit dem Fahrrad in zehn Minuten zur Zauberflöte fahren kann“ bringt unsere großartige Kultur schön auf den Punkt. Was die vielen Angebote angeht: Konkurrenz belebt das Geschäft.

Wird das alte Publikum nachwachsen?

Es wird – wie alle Deutschen – noch älter. Und meine Generation, die Baby-Boomer, wird ja erst noch alt. Die Älteren im Konzert werden mehr. Für diese Klientel sehe ich keine Probleme. Wenn ich 80 werden sollte, möchte auch ich mich doch noch am Konzert erfreuen!

Wir sind von Smartphones & Co umgeben. Vielen Menschen scheinen sie lebenswichtig. Wie lange noch wird das Konzert dem Multitasking standhalten können?

Ich weiger’ mich zu sagen: Nur weil die Menschen sich verändert haben, muss man bei einer Mahler-Sinfonie das Sms-en freigeben. Ein gutes Konzert hat auch mit Einkehr zu tun, mit Kontemplation. In Amerika hatten wir jetzt aber mal den umgekehrten Fall. Da hat ein Orchester sinngemäß gesagt: „Wir spielen jetzt die Zugabe, bitte holen Sie Ihre Handys raus, filmen Sie, posten Sie.“ Das ist ein Renner geworden. Aber das bleibt für mich die spannendste Frage: Wie kann ich die jungen Hörer ansprechen, ohne dass ich den Inhalt verbiegen muss. Ich bin sicher, dass wir da noch sehr kreativ sein werden.

 
 

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