Die Welt ist ärmer ohne Pina Bausch

Wuppertal. Pina Bausch, die Begründerin des berühmten Wuppertaler Tanztheaters, ist kurz vor ihrem 69. Geburtstag gestorben. Der Schock über den Verlust der großen Künstlerin und Choreographin stellt sich erst langsam ein. Eine Frau die in ihrer Kunst und mit ihrer Compagnie lebte.

Pina Bausch ist tot. Es ist unfassbar, am vorletzten Sonntag stand sie noch im Wuppertaler Opernhaus auf der Bühne, und sah auf stille Weise glücklich aus. Es war die letzte Aufführung ihres neuen Stücks in der Uraufführungsserie, sie hatte den Arm um Dominique Mercy gelegt, den ältesten und treuesten ihrer Tänzer; sie alle legten einander die Arme um die Schultern und gingen langsam nach vorn, an den Bühnenrand, hinein in den Applaus, der nicht enden wollte wie immer. Und Pina Bausch lächelte, wie immer.

Wir werden das nie mehr erleben, und der Schock über diesen Verlust stellt sich erst langsam ein. Nie mehr diese unerhörten, sinnlichen, tief reflektierenden Choreografien, nie mehr neues Nachdenken dieser Künstlerin über die Welt, über das Verhältnis der Menschen zueinander. Über Männer und Frauen. Pina Bausch erzählte von Schrecken, Sehnsucht und Glück, von Gewalt in Sanftheit, von Alltag. Von Liebe; aber öfter davon, wie sich Liebe wandelt zu Gewohnheit und bösem Spiel. In großen Szenen ließ sie die Compagnie das Verhalten der Menschen parodieren, oder Rituale feiern; in starken Soli zeigten die Tänzer Hingabe, Verzweiflung, Auflösung. Vielleicht ist das schönste ihrer Stücke das „Frühlingsopfer” zur Musik von Igor Strawinsky – aber das ist ungerecht und letztlich kleinlich; unmöglich, so auszuwählen. Pina Bausch war Pina Bausch: ergreifend, witzig, glücklich machend. Eine kühne, klarsichtige, romantische Künstlerin, die es schwer hatte; später wurde sie mit Preisen überschüttet. Sie dankte jedesmal im Namen des Tanzes. So war sie. Still hinter ihrer Kunst.

Kampf gegen Kleinheit und Trägheit

Pina Bausch und Wuppertal, das war lange ein Kampf gegen Kleinheit und geistige Trägheit. Als alles anfing, vor mehr als 30 Jahren, schlugen die Bürger mit den Türen und verließen zornrot die Oper. Diese Kunst verletzte sie. Sie war ihnen wohl zu direkt, zu nah am Leben. Zu kritisch. In Wuppertal und in aller Welt ist das längst Vergangenheit, die Compagnie wird geliebt wie wenige. Doch als wäre die Zeit stehen geblieben, konnte man vor vier Jahren bei den Salzburger Festspielen erleben, wie verstörte Gäste in Scharen die Felsenreitschule verließen. Bei einem Stück, das den Titel „Nelken” trägt, hatten sie wohl etwas Inniges erwartet, träumerische Szenen, Keinen schonungslosen Blick auf Beziehungen.

Pina Bausch wurde am 27. Juli 1940 in Solingen geboren. Ihre Eltern waren dort Gastwirte, im WAZ-Interview erzählte sie einmal, wie sie als Kind am liebsten still unter den Tischen dieser Wirtschaft saß und spielte. Den Namen Pina hat sie sich damals selbst gegeben, im Taufschein steht: Philippina.

"Die sieben Todsünden"

Wie sie wurde, was sie war – es erzählt sich dürr. Ballett-Untericht und Kinderstücke, mit 14 zur Essener Folkwangschule; da lernte sie Kurt Jooss kennen, den großen Erneuerer des Tanzes. Sie ging nach New York und kehrte zurück, als Jooss sie rief; war Solistin in seinem Folkwang-Ballett und übernahm dann selbst die Leitung, später auch die der Tanzabteilung der Folkwang Hochschule. Da war sie noch weit von ihrem eigenen Stil entfernt, tanzte, choreografierte, unterrichtete Modern Dance.

Dann der wahre Anfang: als Leiterin des Wuppertaler Balletts, das sie zum Tanztheater Wuppertal machte. „Die sieben Todsünden” nach Brecht-Weill waren 1976 eine Innovation. Wuppertal durfte erleben, wie das moderne Tanztheater geschaffen wurde. Es geht heute viele Wege, auch andere als Pina Bausch. Doch sie hat allen die Tür geöffnet.

Auf ihrem eigenen Weg ließ sie sich seit Jahren auf Reisen inspirieren, mit ihren Tänzern besuchte sie Brasilien, Japan, Indien; von überall brachte sie Reminiszenzen an ihre Gastgeber mit und verschmolz sie mit den bekannten Gesten und Bewegungen.

Variation der Bilder

Mancher Kritiker hat deshalb geklagt, sie mache immer dasselbe. Das ist wahr, van Gogh malte auch immer dasselbe. Pina Bausch variierte ihre Bilder, aber sie blieb bei ihnen. Für ihr letztes Stück, das wie immer noch keinen Titel trägt, hatte sie Chile besucht; und der Abend ist politischer als alle früheren. Er spricht von einer anderen als alltäglicher Gewalt: von Folter; und das letzte Bild ist eine wunderbare Zurücknahme des Leids. Die Frau, die eingangs schreiend weggeschleppt wird, kehrt zurück unversehrt.

Was man über Pina Bausch über ihre Kunst hinaus wissen darf: Sie lebte mit dem Bühnenbildner Rolf Borzik zusammen, der ihre Arbeit kongenial begleitete; er starb 1980 an Leukämie. Pina Bausch hat darüber in der Öffentlichkeit geschwiegen. Auch darüber, dass sie später mit dem chilenischen Dichter Ronald Kay einen Sohn bekam, sie nannten ihn Rolf-Salomon.

Viel mehr weiß man nicht, und es ist gut so. Sie lebte in ihrer Kunst, mit ihrer Compagnie. Und lebt darin weiter.

 
 

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