Die Stadtmusikanten - ein Weihnachtsmärchen?

Essen. Die Bremer Stadtmusikanten stammen gar nicht aus der Hansestadt, sondern aus Westfalen - für diese kühn klingende These hat der Bremer Germanist und Autor Gerrit Reichert schon im Sommer dieses Jahres gute Gründe angeführt: Das Märchen sammelten die Brüder Grimm zusammen mit vielen Helfern im Umkreis des westfälischen Adeligen August Franz von Haxthausen, zu dem auch die Dichterin Annette von Droste -Hülshoff gehörte.

Dieser Kreis lebte auf Haxthausens Gut in Bökendorf - nur fünf Kilometer vom dortigen Bremerberg entfernt. Haxthausen könnte das Märchen Reicherts Darstellungen zufolge von seinem Gesinde erzählt bekommen haben. Zudem hätten Jacob und Wilhelm Grimm das Märchen in ihrer Ausgabe mit dem handschriftlichen Zusatz „aus dem Paderbörnischen“ versehen. Außerdem kommen die zu Musikanten mutierten Tiere Esel, Hund, Katze und Hahn in dem Märchen ja nie in Bremen an. Die Stadt ist immer nur ihr Ziel.

Verbindung zum alteuropäischen Sagenstoff vom „Knochenwunder“?

Jetzt aber geht der Bremer Germanist Reichert noch weiter: Es handele sich bei den Stadtmusikanten sogar um eine Art von Weihnachtsmärchen. In seinem Buch-Essay „Zauberspruch der Weihnachtszeit“ rückt er die plötzliche Wiedererstarkung von Esel, Hund, Katze und Hahn, die noch zu Beginn des Märchens sehr abgerissen daherkommen und nur „etwas Besseres als den Tod“ suchen, in die Nähe des alteuropäischen Sagenstoffes vom „Knochenwunder“. Dieser vorchristliche Mythos, dessen Wurzeln Völkerkundler bis zu den vorzeitlichen Jägerkulturen zurückführen, gehört in ganz Europa zu den mündlich überlieferten Sagenstoffen. Er besagt, dass Tiere aus ihren Knochen wiederauferstehen können.

„Bremer Stadtmusikanten erzählen den uralten Mythos der Wiedergeburt des Lebens“

Zu den Riten rund um das schamanistische „Knochenwunder“, das die Wende zwischen Tod und Leben markiere, gehört auch ein mitternächtliches Mahl, so wie des die Stadtmusikanten im Märchen auch im Haus der Räuber feierten. Im tierischen Lärm, der „Nachtmusik“ des Märchens, sieht Reichert einen Nachhall von ekstatischen Opferriten aus der vorzeitlichen Jägerkultur.

Die besagten Mythen spielten nicht selten um den Zeitpunkt der Wintersonnenwende um den 21. Dezember herum - im Jahreslauf ebenfalls eine Scheidegrenze. Der christliche Geburtsmythos, so Reichert, sei die veränderte und personalisierte Entsprechung zu den uralten Naturmythen: „Die Bremer Stadtmusikanten erzählen genau diesen uralten Mythos der Wiedergeburt des Lebens. Sie sind das vermutlich älteste Weihnachtsmärchen der Welt.“

 
 

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