Die „Orestie“ im Fernsehserien-Format

Jens Dirksen
"Die Orestie" am Theater Oberhausen: Anja Schweitzer und Jürgen Sarkiss.
"Die Orestie" am Theater Oberhausen: Anja Schweitzer und Jürgen Sarkiss.
Foto: Thomas Aurin
Langer Beifall für die Premiere im Theater Oberhausen: Der Australier Simon Stone schreibt den Aischylos-Klassiker fürs 21. Jahrhundert um und erfindet einen Orest, der ganz gerne "Breaking Bad" schaut.

Oberhausen. Agamemnon klatscht sich auf die Rettungsringe an den Hüften, er hat Fett angesetzt im Krieg; seine Frau Klytämnestra stöckelt auf Pfennigabsätzen durch ihre Trauer um Tochter Iphigenie, die von Agamemnon geopfert wurde; Orest, ihr Sohn, berät mit seinem Kumpel Pylades beim Kickern, wie sie nach Argos aufbrechen, um Klytämnestra und ihren Lover Aigistos zu erschießen, weil sie seinen Vater Agamemnon mit Gift im Whiskey umgebracht haben.

Der junge australische Regisseur Simon Stone lässt bei der Übersetzung des 2500 Jahre alten Bühnenschlachtschiffs „Orestie“ von Aischylos wenig mehr übrig als die Namen und einige Handlungsfetzen. Auch vom spährisch hohen Ton der Sprache, vom einmischungsfreudigen Chor und der demokratischen Entscheidung der Götter am Ende ist nichts mehr übrig. Es bleibt: eine Familientragödie, aus der sich eine TV-Serie fürs 21. Jahrhundert schmieden ließe. Schließlich guckt Orest gern „Breaking Bad“, und Iphigenie wird nicht den Göttern für gute Winde für die Fahrt nach Troja geopfert, sondern als Fall für die aktive Sterbehilfe.

Vorstellung begann mit Verspätung

So war es in der Tat eine Uraufführung, was da am Samstagabend in Oberhausen mit Zuschauertribünen auf der Bühne rund um den quadratischen Schauplatz in der Mitte begann, mit halbstündiger Verspätung, weil der Clou dieser Inszenierung die Bühnenmaschinerie offenbar an den Rand ihrer Leistungsfähigkeit bringt: Ein schwarzer Kubus senkt sich nach jeder Szene über das Geschehen, auf Laufbändern an den Seiten sind Überleitungen, Hintergründe, Mythenreste zu lesen. So wird das Geschehen, das Simon Stone gekonnt rückwärts ablaufen lässt, auch für alle verständlich, die ihren Aischylos nicht gelesen haben; auf der Folie von Tragödie und Mythos gewinnt Stones f-wortreiche Psycho-Familiensaga der sexuellen Doppelbindungen allerdings eine sarkastische Note.

Die von fast allen doppelten Böden und komplexen Konflikten befreite Handlung bietet die Rampe für gutes bis exzellentes Schauspielertheater: Torsten Bauers bräsiger Agamemnon wird durch Iphigenies Sterben zu Mitleid und Schrecken in Menschengestalt, Lise Wolle reichert ihre Frühreifen-Doppelrolle als Iphigenie und Elektra mit tiefem Ernst an, Jürgen Sarkiss liefert einen Aigisth von denkbar größtem Schmierlappen-Format ab, Anja Schweitzers Klytämnestra hält stets die Nasenhöhe der Edel-Neurose. Langer, langer Beifall für alle Beteiligten.

Termine: 7., 8. und 12. Februar, 5. u. 7. März. Karten: 0208 8578184