Die Lust „den Text zu schmecken“

Lars von der Gönna
Der Schauspieler Andreas Grothgar wird in Düsseldorf in der „Maske“ des Schauspielhauses für seine Rolle als Verteidiger im Stück "Terror" geschminkt.
Der Schauspieler Andreas Grothgar wird in Düsseldorf in der „Maske“ des Schauspielhauses für seine Rolle als Verteidiger im Stück "Terror" geschminkt.
Foto: Volker Hartmann
Er ist einer der profiliertesten Theaterschauspieler an Rhein und Ruhr. Für unsere Reihe „Hinter der Maske“ trafen wir Andreas Grothgar. Nächste Rolle: Klaus Barbie.

Essen. Mittagstisch mit einem Massenmörder? Andreas Grothgars nächste Rolle ist ein Monster. Nicht Shakespeares dritter Richard, kein Königsschurke von Theateradel. Es ist Klaus Barbie aus Bad Godesberg, der Schlächter von Lyon, der genüssliche Folterer, der Mann mit der Peitschensammlung. Aber eben: die nächste Rolle für den Schauspieler Grothgar.

Klaus Barbie. Eine Rolle wie alle anderen? „Nein!“, sagt Grothgar. Hinter ihm liegt der Prozess der Rollen-Annäherung, diese Flut von grausamen Details, die am Ende die fürchterliche Berühmtheit Barbies ausmachen. Kann man Barbie sein, Herr Grothgar? „Nein, nein“, sagt er in seiner leicht rauen, leicht geräuschigen, dabei schön klaren, alle gastronomische Berieselungsmusik mühelos überstrahlenden Stimme. „Es ist kaum auszuhalten“, sagt Andreas Grothgar über die Wesenszüge, die er studiert hat in wochenlanger Beschäftigung mit dem SS-Kriegsverbrecher.

„Unbegreiflicher Spagat“

Wie wird man Barbie auf der Bühne? „Auf keinen Fall durch Distanz“, sagt Grothgar – aber „ich versuche die Verkörperung durch einen Menschen, der heute lebt, der das alles weiß. Verrückterweise gibt es inzwischen in mir sogar etwas, das ich Mitleid nennen würde für die Himmlers, die Barbies. Das ist menschlich so arm, und gerade deshalb dürfen wir es nicht vom Rest der Menschheit trennen.“

Grothgar spricht von Weimar, das er besucht hat, über dieses Nebeneinander, den „unbegreiflichen Spagat unseres Wesens“: die Öfen von Buchenwald und daneben die Goethe-Eiche, nie abgeholzt von den Nazis, denn „die deutsche Kultur sollte dort ja erhalten werden“.

Theater - eine Illusion

Andreas Grothgar spielt seit mehr als 30 Jahren Theater. Viele davon in NRW. Kürzlich hat seine Tochter ihn gefragt: „Warum bist du Schauspieler?“ Er hatte keine Antwort. Er hat es nach dem Zivildienst einfach getan. Erstes Vorsprechen, sofort genommen, erste Adresse: Hamburg! Haben Sie das Schöne, Wahre, Gute erwartet, Herr Grothgar? „Natürlich. Ich hab’ Theater von vorne erlebt und alles damit verbunden, was man mit Theater verbindet: Illusion – und dass Theater auch hinter der Bühne ein magischer Raum ist. Das Gegenteil ist der Fall. Gibt es hässlichere Gebäude als Theater hinter der Bühne?“ Er lächelt.

Er will „Geschichten über das Leben von Menschen“ erzählen

Es irrt, wer glaubt, in Andreas Grothgar, 58, einen Schauspieler zu treffen, der seiner Kunst müde ist. „Geschichten über das Leben von Menschen“ zu erzählen, das höre nicht auf, ihn zu locken oder „ein Fall wie ,Terror’, der trifft einen Nerv“. „Terror“ spielt er an Düsseldorfs Schauspielhaus – den Verteidiger. Das Stück: ein Prozess. Ein Kampfjet-Pilot schießt ein Passagierflugzeug ab, mit dem ein Terrorist ein Stadion zerstören will. Das Publikum stimmt ab – über Schuld. Ausverkauft, permanent.

Enorme Präsenz und Klarheit

Wer Andreas Grothgar, diesen virtuos präzis Artikulierenden, spielen sieht, erlebt vielfach einen Bühnenmenschen von enormer Klarheit und Präsenz. Sein Bonner Hamlet 1995: ein Ereignis. Auch Grothgars trockene Komiker, seine aasigen Helden vergisst man nicht. Seine Schiller- und Shakespeare-Regenten in Essen und Bochum: einschüchternd in der Autorität und doch raffiniert brüchig gefügt.

In Theaterkreisen heißt es: Der Andreas, der wehrt sich auch mal, wenn die Regie versagt. „Ach“, sagt er, der beinharte Hockeyspieler, sanft ironisch, „wenn man am Spielen gehindert wird, das kann schon unschön sein. Meistens halte ich aber meine Klappe. Ich bin gerne bereit, einem Regisseur Sackgassen zu erlauben. Das sind ja auch Findungsprozesse . . .“

„Die Suche des Verstehens“

Eine klare Idee, eine saubere Vorbereitung, das, nun ja, würde schon helfen am Theater, da stehe dann der „Suche des Verstehens“ ein Andreas Grothgar gewiss nicht im Wege. Womit die Lust am Stück für ihn immer wieder anfängt? Den „Text zu schmecken“ sagt er.

Grothgar schmeckt tatsächlich jeder Silbe nach, sucht Sinn, Sinnlichkeit, Farbe, Klang. Und er findet. Sein Publikum, sein treues, hört nicht auf, diese Funde zu bestaunen. Selbst wenn es Monster sind. Am Samstag ist Premiere.

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Vier kurze Fragen, vier kurze Antworten

Wenn ich nicht Schauspieler geworden wäre, . . .

. . . hätte ich versucht, mein Geld mit Sport zu verdienen.

Vor einem leeren Parkett zu spielen . . .

. . . kann ganz toll sein.

Mein Rat an Schauspiel-Anfänger:

Mit offenen Augen durch die Welt zu gehen. Die Kirche im Dorf zu lassen – und das Theater manchmal im Theater.

Ohne Maske bin ich . . .

. . . ich!

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Barbie - Begegnung mit dem Bösen., Premiere 13.2., 20 h, Düsseldorfer Schauspielhaus (im Central). 18./29.2., 6./13./25.3. Karten (15-36 €) unter Tel. 0221-36 99 11