Die Kunst der Wunden in Bochum

"Deine Wunden": Kruzifix von Meinrad Guggenbichler, Anfang des 18. Jahrhunderts.
"Deine Wunden": Kruzifix von Meinrad Guggenbichler, Anfang des 18. Jahrhunderts.
Foto: Ingo Otto / WAZ FotoPool
"Deine Wunden": Eine Ausstellung  von  christlicher  und  moderner  Kunst  in der "Situation Kunst (für Max Imdahl)" blättert sechs Jahrhundert Motivgeschichte auf, von der Renaissance bis zur aktuellen Kunst von heute. Ein blutüberströmtes, höchst gelehrtes Gemeinschaftsprojekt der Universitäten Münster und Bochum.

Bochum.. Wunden in Siegeszeichen verwandelt zu haben, das ist Christentum – ein einschneidender Unterschied zu anderen Religionen. Lauter Zeichen und Wunden, von der Kreuzigung bis zum Hinhalten der anderen Wange. Sie alle zeugen von der Umwertung vermeintlicher Schwäche in Stärke, Kraft, Heil. Joseph Beuys’ antimoderner Wahlspruch „Zeige Deine Wunde“ ist nur die Rückkehr zur christlichen Bild- und Denktradition. Wie sich aus ihr heraus der Umgang der Kunst mit dem Motiv der Wunde bis zur Kunst der Gegenwart entwickelt hat, blättert nun eine Ausstellung in der Bochumer „Situation Kunst“ auf.

Es regnet Hostien und Wein

Schon am Eingang zu dem weißen Glaswürfel in den Ruinen des Hauses Weitmar nehmen zwei gebrochen wirkende Stahlskulpturen von Giuseppe Spagnolo das Wundenmotiv in abstrakter, also gebändigter Form auf. Exzessiv geht hingegen Francisco Goya in seinem berühmten Radierungs-Zyklus „Desastres de la guerra“ über die bestialischen Menschenschändungen des spanischen Bürgerkriegs gegen Napoleon mit demselben Motiv um – in aufklärerischer Absicht, aber mit einem Offenbarungseifer, der durchaus noch in christlicher Tradition steht.

Denn Mittelalter und Renaissance kannten die „Arma Christi“-Darstellungen, bei denen Füße, Hände und Herz Jesu durchstochen als Zeichen triumphal präsentiert wurden, samt der Waffen, die dazu nötig waren, die Wunden wiederum zu Waffen zu machen. Auf einem niederrheinischen Gemälde von 1480 regnet es aus der Wunde eines selig lächelnden Christus Hostien und Wein auf die Gläubigen herab, und noch jeder Auferstehungs-Christus greift sich an, ja in die Seitenwunde. Gut 300 Jahre später schlägt Meinrad Guggenbichler einen wundenübersäten Schmerzensmann aus dem Holz, anscheinend waren fünf Wunden nicht mehr überzeugend genug.

Baselitz und Anish Kapoor

So nimmt die moderne Kunst die Wunde wieder mehr in ihrer Schmerzhaftigkeit wahr. So steht Baselitz’ früher „Versperrter“ nicht kopf, sondern auf nackten Füßen, ein blutüberströmter Soldat, der nicht begreifen will, dass er selbst auch zu den Trümmern des Kriegs gehört. Der Inder Anish Kapoor untersucht 2005 mit Hilfe von eingeschnittenen Papierstapeln beeindruckend die Ränder, die Geometrie von Wunden, Lucio Fontana hingegen bringt sie der Leinwand bei. Eine echte Entdeckung: die atemberaubende Tuschskizze „Vision des heiligen Bernhard“ aus dem 14. Jahrhundert mit jugendstilartig fließenden Linien und einem Strom von Blut.

Zusammengestellt wurden die insgesamt 90 Werke samt einer Leidens-Bahre von Hermann Nitsch und einem expressiv mit Farbe überströmten Kreuz von Arnulf Rainer, in einem Gemeinschaftsprojekt: Die Kunsthistoriker der Ruhruniversität Bochum arbeiteten dazu mit dem Exzellenzcluster „Religion und Politik“ der Universität Münster zusammen. Sie haben auf gelehrsame Weise einen weiten Raum für Assoziationen und Einsichten über Verletzung und Schmerz abgesteckt.

Bis 31. August. Situation Kunst: Nevelstr. 29/Schlossstr. 13 Bochum, mi-fr 14-18 Uhr, sa/so 12-18 Uhr. Katalog: 29,80 Euro

 
 

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