Die Krupps

Essen. Die kanonenkönigliche Familie - Essen war Krupp, und Krupp, das waren Kanonen, das war die „Waffenschmiede des Reiches“. Vor hundert Jahren wurde der letzte Krupp geboren, vor vierzig Jahren ist er gestorben.

Alfried Krupp von Bohlen und Halbach. 13. August 1907 – 30. Juli 1967. So steht es auf dem Grabstein. Vor hundert Jahren wurde der letzte Krupp geboren, vor vierzig Jahren ist er gestorben. Seitdem ist Krupp nur noch eine Firma, seit 1999 gar Teil des Unternehmens ThyssenKrupp. Und doch schwingt bis heute nach, welchen stolzen, strahlenden oder drohenden Klang der alte Name dieser Firma, dieser Familie hatte, in Essen, in Deutschland, in der Welt.

In Essen war es schon die dominierende Größe, die das Unternehmen zu etwas Besonderem machte. Dazu kam das einzigartige System von Wohnungsbau, Sozialfürsorge, Konsum- und Krankenanstalten, welches aus Beschäftigten ein Volk von „Kruppianern“ machte. In Deutschland und der Welt waren es vor allem Krupps Waffen, die Bewunderung und Hass hervorriefen. Essen war Krupp, und Krupp, das waren Kanonen, das war die „Waffenschmiede des Reiches“. Zwar trifft das seit 1919 auf Krupp nicht stärker zu als auf viele andere Firmen, doch niemand sonst wurde so dafür gerühmt und geschmäht wie Krupp.

Zweifellos spielten Qualität und Anzahl der einst verkauften Kanonen die entscheidende Rolle beim Entstehen des Mythos um Krupp und „Kruppstahl“ als Synonym für Qualität und Härte. Und welcher Firmenname sonst ließe sich so knurren wie „Krupp!“ Schließlich war es die Familie Krupp selbst, die bis heute das Interesse auf sich zieht wie sonst nur Royals. Enger und länger als vergleichbare Familien war sie mit ihrer Firma verbunden.

Gründer ohne Erfolg

Der erste Essener Krupp war Arndt Krupp. 1587 kam er aus Holland ins Landstädtchen Essen und begründete als geschickter Kaufmann die Essener Honoratioren-Familie Krupp: erfolgreich als Händler, Politiker und Stadtverwalter. Den Grundstein zu industrieller Größe legte eine starke Krupp-Frau: Helena Amalia Krupp, geborene Ascherfeld, zweite Ehefrau und seit 1757 „Wittib“ des Kolonialwarenhändlers Friedrich Jodocus Krupp. Sie erweiterte Vermögen und Geschäft mit großem Geschick. Ihr einziger Sohn Peter starb, ohne großen Einfluss auf die Firma genommen zu haben.

Ihr Enkel Friedrich Krupp (1787-1826) gründete mit dem Geld der 1810 gestorbenen Großmutter 1811 das spätere Weltunternehmen „Gussstahlfabrik Fried. Krupp“. Doch wusste er gar nicht, wie dieser Gussstahl herzustellen sei, und es kostete viel zu viel Geld, bis Krupp ihn in geringen Mengen produzieren konnte. Am Ende musste er mit Familie das Essener Stadthaus verlassen und ins Aufseherhäuschen der fast brachliegenden Fabrik ziehen. Bald darauf starb der einst lebensfrohe Krupp mit 39 Jahren an „Kräfteverfall“, finanziell und gesellschaftlich am Ende.

Nun trat sein erst 14-jähriger Sohn Alfred Krupp (1812-1887) an. Dieser Krupp verband technisches Verständnis mit Verkaufstalent, rettete das väterliche Geschäft und konnte schließlich hervorragenden Stahl produzieren. Mit nahtlosen Radreifen für Eisenbahnen wurde Krupp zum Großunternehmen, drei Radreifen wurden zum Markenzeichen. Früh baute Krupp auch Gussstahl-Kanonen, doch erst 1859 setzte der preußische Prinz Wilhelm eine Bestellung über 300 Kanonen durch – Beginn der ganz besonderen Beziehung zwischen den Häusern Krupp und Hohenzollern. Als 1870/71 die Überlegenheit der kruppschen Stahlgeschüt-ze wesentlich zum deutschen Sieg über Frankreich beitrug, wurde Krupp Teil des Mythos vom neuen Reich, obwohl Krupp Kanonen auch ans Ausland lieferte.

Das stählerne Herz

So hatte Krupp sich den Ruf eines „Kanonenkönigs“ erworben. Adelstitel lehnte der Alte bürgerstolz ab. „Ich heiße Krupp – das genügt!“ Im Jahr seines Todes hatte Alfred Krupp 20.000 arbeitende Untertanen. Dass auch ein Bürgerlicher königlich repräsentieren konnte, zeigte er mit der „Villa Hügel“, jenem Palast über der Ruhr, in dem Krupp seit 1873 mit seiner Familie lebte. Lang hatte es so ausgesehen, dass der strenge und früh alternde Krupp ein Hagestolz bleiben würde – bis er, nach seinen berühmten eigenen Worten, ein Herz an der Stelle entdeckte, wo er ein Stück Gussstahl vermutet hatte. 1853 heiratete er die 18 Jahre jüngere Bertha Eichhoff. Jedoch hat er sich selbst und ihr bald klargemacht, was seinem Herzen wirklich am nächsten lag: die Fabrik.

Und Alfred Krupp wurde zunehmend schwierig. Als Alleinherrscher in seiner Fabrik neigte er zu einsamen, zuweilen bedenklichen Entscheidungen. Sein Misstrauen gegen jedermann trübte den Umgang mit seinen Managern und überschattete auch die „Werksfürsorge“. Am Schluss bombardierte er alle Welt mit nörgelnden Zettelbotschaften. Auch als der Bau seiner selbst entworfenen Villa Hügel zum Desaster geriet, vor allem durch die von Krupp geplante Klimaanlage, machte er in gekritzelten Botschaften andere verantwortlich. Im übrigen bedurfte es der defekten Heizung nicht, um die Atmosphäre auf Hügel frostig zu machen. 1882 verließ Bertha Krupp ihren Mann.

Der einzige Sohn, Friedrich Alfred Krupp (1854-1902), kränkelte und wurde zu einem etwas pummeligen, asthmatischen Mann. Es gab Zeichen rührender Zuneigung: „Küsse Fritz naß“, schrieb Alfred Krupp seiner Frau. Doch suchte er den Sohn nach dem eigenen Bilde zu formen und ließ für Fritz’ Vorstellungen wenig Raum, schon gar nicht für seinen Wunsch, Margarethe Freiin von Ende zu heiraten: Adelig und ohne Vermögen, das passte dem Alten nicht, er verbot die Ehe. Erstaunlich, dass der brave Fritz nicht von seinem Wunsch ließ – und dass sein Vater den Widerstand plötzlich aufgab, als seine Bertha ihn verlassen hatte. Doch vergällte er dem Paar das Leben nach Kräften. Kein Wunder, dass der Alte 1887 in seiner Todesstunde nur einen Kammerdiener bei sich hatte.

Fritz und Wilhelm

Die Erbfolge in der Firma verlief dagegen problemlos. Noch zu Lebzeiten Alfred Krupps wurde Fritz in die Firmenleitung aufgenommen, und als der Vater gestorben war, nahm der so weichlich wirkende Friedrich Alfred die Zügel energisch in die Hand. Unter seiner Leitung wuchs das Unternehmen stetig weiter, glänzte mit neuen Stahlsorten und Produkten. Als Fritz Krupp 1902 starb, hatte sich die Zahl der Kruppianer auf 40.000 verdoppelt.

Mehr denn je wurde Krupp mit Kaiser und Reich identifiziert, da Fritz sich auch als politischer Förderer des kaiserlichen Flottenprogramms exponierte. Seine Firma machte mit dem Rüstungsboom gute Gewinne. Die Kruppianer dankten es ihrem neuen Chef, zumal der die Tradition der kruppschen Wohlfahrt, etwa mit musterhaften Wohnsiedlungen, großzügig ausbaute und sich weniger herrisch gab als sein Vater. Auf Villa Hügel empfing er Politiker und Adel aus aller Welt. Die Villa wurde zu einer Art Fürstenhof des Industriereviers an der Ruhr. Im Innern ließen Fritz und Margarethe Krupp Alfreds kahlen Bau wohnlicher machen. Damals entstanden im Zwischengeschoss die originellen, „Kemenate“ genanten Appartements für die Töchter Bertha und Barbara, im Park das „Spatzenhaus“.

Draußen aber mehrte sich Kritik, die eine zu innige Verbindung zwischen Krupp und Regierung sah und allzu üppigen Profit. Krupp floh davor immer öfter in sein Paradies: Capri. Allein. Dort pflegte er sein Hobby, die Meeresforschung. Außerdem umgab er sich mit jungen Männern, gern bei romantischen Feiern nach antikem Vorbild. Wie weit Krupp seine Homophilie wirklich trieb, ist umstritten. Es spricht einiges dafür, dass es bei Schwärmerei blieb. Gerüchte aus Capri über Unzucht mit Minderjährigen aber machte der SPD-„Vorwärts“ 1902 nicht ohne Bigotterie öffentlich. Kurz darauf starb Friedrich Alfred Krupp auf Hügel, vorgeblich am Gehirnschlag. Viele vermuteten Suizid. Wilhelm II. aber kam zur Beerdigung und nahm die Ehre seines Freundes unter kaiserlichen Schutz.

Wohltäterin Margarethe

Die Firma wurde nun formal zur AG umgewandelt, doch hielt Fritz Krupps ältere Tochter Bertha als Erbin fast alle Anteile daran. Bis zu Berthas Volljährigkeit trat Mutter Margarethe Krupp (1854-1931) treuhänderisch an die Spitze der Firma. Beim Ausbruch des Skandals hatte sie noch panisch den pikierten Kaiser um Hilfe gebeten und war von ihrem Mann in eine Nervenanstalt geschickt worden. Jetzt erwies sie sich doch als eine jener starken Krupp-Frauen und stand als oberste Kruppianerin durchaus ihren Mann – auch wenn die Geschäfte weitgehend vom Direktorium geleitet werden. Am Ende ihrer Regentschaft 1906 gab es wiederum 20.000 Kruppianer mehr als vier Jahre zuvor. In der Wohlfahrt setzte Margarethe eigene Maßstäbe – vor allem mit ihrer später weltberühmten Stiftung „Margarethenhöhe“, die nicht nur Kruppianern schöne Wohnungen zu günstigen Mieten bot.

Eine Frau an der Unternehmensspitze aber war damals nur eine Notlösung. Und weil Margarethe keinen „Stammhalter“ geboren hatte, sondern zwei Töchter, war die Verheiratung der älteren, Bertha Krupp (1886-1957), von größter Wichtigkeit. 1906 fand sich als Bräutigam für die Erbin ein 36-jähriger Diplomat: Gustav von Bohlen und Halbach. Aus konservativer Sicht war zwar Fritz der letzte Krupp. Dagegen aber setzte Wilhelm II. seinen kaiserlichen Willen. Der Monarch kam 1906 zur Hochzeit und brachte als Geschenk ein Privileg: Der Ehemann durfte sich Gustav Krupp von Bohlen und Halbach (1870-1950) nennen, und dieses Privileg durfte mit Firma und Vermögen an den jeweils ältesten Sohn übergehen.

In vielen Krupp-Büchern kommt Gustav, seit Kindertagen „Taffy“ geheißen, als Person furchtbar schlecht weg: beschränkt, pedantisch und humorlos, die personifizierte Langeweile soll er gewesen sein. Die Firma Krupp gedieh auch unter seiner Leitung – nicht allein wegen, aber auch nicht trotz Gustav. Und er symbolisierte das Haus Krupp, die enge Verbindung mit dem Reich und dem Militär; zumal weil er, mehr noch als Schwiegervater Fritz, ein Freund des Kaisers war. Als es mit Reich, Militär und Kaiser 1918 ein schlimmes Ende nahm, blieb Krupp als negative Symbolfigur: Die Alliierten sahen ihn als „Kriegsverbrecher“. Der gleiche Vorwurf sollte ihn 1945 noch einmal treffen.

Alfrieds schweres Erbe

Krupp hatte sich im Kaiserreich immer mehr zur Waffenfirma entwickelt, hatte aktiv an der einträglichen Rüstungsspirale mitgedreht. 1914 gab es schon 80.000 Kruppianer, bei Kriegsende über 150.000. Und nach der Zwischenkriegszeit ohne Waffenproduktion wuchs Krupp im „Dritten Reich“ wiederum zum Rüstungsriesen. Der alliierte Vorwurf, Krupp habe beide Kriege wissentlich und willentlich mit herbeigeführt, steht aber selbst nach Meinung vieler Krupp-Kritiker auf tönernen Füßen. Gustav Krupp hat jedenfalls 1914 bis 1918 keine maßlosen Kriegsziele propagiert, wie das seine Kollegen vom Schlage Stinnes’ taten. Er war auch keineswegs ein früher Förderer der Nazipartei, wie es das Klischee will. Gerade das Ehe-paar Krupp hielt Distanz zum braunen „Führer“. Zwar passte Gustav sich nach 1933 an, aber nicht vollständig. Außerdem ist fraglich, wie er die Firma anders vor direktem Zugriff der Nazis hätte retten können. Und 1945 war Gustav Krupp schon schwer dement; dass die Alliierten ihn dennoch als Haupt-Kriegsverbrecher anklagen wollten, gemeinsam mit Obernazis und Militärführern, zeigt deutlich: Beim Namen Krupp nahmen Gefühle schnell überhand.

1943 wurde Alfried Krupp von Bohlen und Halbach (1907- 1967) anstelle seines kranken Vaters zum Firmenchef und Alleininhaber. Die rein formal existierende AG wurde zur Einzelfirma umgewandelt, und Bertha Krupp vererbte ihr Firmenvermögen sofort an den ältesten Sohn. Traurige Vorgeschichte: Dieser ernste junge Mann hatte 1937 die geschiedene Hamburger Kaufmannstochter Anneliese Bahr geheiratet; wenige Wochen später wurde 1938 ihr gemeinsamer Sohn Arndt geboren. Alfried schien glücklich, seine Eltern waren es nicht. Sehr bald drängte Mutter Bertha auf Scheidung, indem sie mit Enterbung drohte. Alfried nahm es hin. Schon zuvor hatten seine Eltern im Leben auf Villa Hügel wenig Raum für Gefühle gelassen, besonders beim Kronprinzen Alfried, der stets zur Pflichterfüllung erzogen worden war. So folgte er auch jetzt der Pflicht. Nur eineinhalb Jahre, nachdem Alfried Krupp zum Firmenchef aufgestiegen war, wurde er von amerikanischen Soldaten gefangen genommen und bald darauf als Kriegsverbrecher angeklagt. Die Alliierten hatten widerstrebend eingesehen, dass sein Vater nicht verhandlungsfähig war. Hauptvorwurf war die Beschäftigung von Zwangsarbeitern, ohne Zweifel ein finsteres Firmenkapitel, aber nicht nur bei Krupp. Ein Gefängniswärter soll Alfried gefragt haben, wie er genannt werden wollte. Außerhalb des Firmenprotokolls ließ Alfried sich durchaus, wie schon seine Eltern, mit „von Bohlen“ ansprechen. Dem Wärter aber sagte er: „Nennen Sie mich Krupp, wegen des Namens bin ich hier.“ Da hatte er nicht ganz unrecht.

Krupp wurde 1948 verurteilt, härter als alle anderen der wenigen angeklagten Unternehmer: 12 Jahre Gefängnis. Obendrein, einzigartig, Beschlagnahme seines Verm��gens. Da zeigte sich, dass ihr Hass auf Krupp die Alliierten sogar dazu verführte, ihre eigenen Rechtssysteme zu beugen, wie Kritiker in den USA bemängelten. Furcht vor diesem alliierten Zorn war es wohl, die Essens Stadtvertreter 1946 dazu bewog, Gustav und Bertha Krupp von Bohlen und Halbach die Ehrenbürgerschaft zu entziehen. Ein menschlich schäbiger Schritt, doch verzeihlich: 1946 drohte Essen nach dem Prinzip „Mitgefangen – mitgehangen“ vom Krupp-Hass der Besetzer erdrosselt zu werden.

1951 wurde Alfried Krupp begnadigt; auch sein Vermögen bekam er zurück. Und Krupp machte sich an den Wiederaufbau seiner Firma. Mit Erfolg. Aus knapp 60.000 Kruppianern 1945 wurden bis 1961 wieder 110.000. In jenem Jahr des 150-jährigen Firmenjubiläums wollte auch die Stadt Essen ihre zeitweilige Abwendung von Krupp vergessen machen und verlieh Alfried Krupp den Ehrenring, seit Kriegsende höchste städtische Auszeichnung. In vieler Hinsicht war es nicht mehr die alte Firma Krupp, die da heranwuchs. Personifikation des neuen Stils war der 1953 angetretene „Generalbevollmächtigte“ Berthold Beitz, ein Außenseiter, den Krupp mit ungekannter Machtfülle ausstattete. Waffen produzierte Krupp nicht mehr, dafür eine große Zahl verschiedenster Produkte. Berühmt wurde die Firma als Lieferant kompletter Industrie-Anlagen. Das indische Stahlwerk Rourkela war eines jener Projekte, von denen die Essener mit Ehrfurcht sprachen. Ende der fünfziger Jahre kamen spektakuläre Projekte in Ostblockstaaten hinzu.

Der Rückzug

Die Zahlungsmoral solcher Staaten brachte es aber mit sich, dass die Firma über Gebühr Kredite in Anspruch nehmen musste. Auf der anderen Seite weigerte sich Alfried Krupp lange, unrentable Bereiche zu schließen und brave „Kruppianer“ zu entlassen. Gerüchte über eine Schieflage der Firma verdichteten sich bis 1966 zur Krise – jedenfalls sahen Banken und Bundesregierung das so, die der kruppschen „Einmann“-Struktur misstrauten. Sie fanden sich zur Hilfe bereit, aber unter der Bedingung, dass Alfried seine Firma in eine Kapitalgesellschaft umwandelte und sein Firmenvermögen auf eine Stiftung übertrug. Bittere Ironie: Das hatte Krupp bereits selbst geplant.

1953 hatte er auch im Privatleben einen neuen Anfang gewagt und Vera Hossenfeldt geheiratet. Die war sogar schon dreimal geschieden, und auch diese Ehe hielt nicht lange: Scheidung 1957. Im selben Jahr starb Mutter Bertha, die von der zweiten Ehe ihres Ältesten kaum weniger entsetzt gewesen sein dürfte als von der ersten. Alfried Krupp zog sich immer mehr zurück und verbrachte die meisten Abende allein in seinem Bungalow am Hügelpark – ihre kühle Villa nutzten die Krupps seit dem Krieg nicht mehr als Wohnung. Es fällt schwer, in späten Fotos des hochgewachsenen, vornehmen Mannes keine Melancholie zu sehen.

Seinen Sohn Arndt, bis dahin auf Internaten untergebracht, ließ Alfried nun in die Arbeit als oberster Kruppianer einführen. Der junge Mann hatte andere Neigungen, fügte sich aber – sicher auch in der Hoffnung, seinem Vater näher zu kommen. Es zeigte sich, dass beider Wünsche Illusionen waren. In langen Gesprächen bewog Berthold Beitz Arndt zum Erbverzicht. Eigentlich hatte Alfried Krupp dies alles am 13. August 1967, seinem sechzigsten Geburtstag, verkünden wollen. Das Ultimatum der Banken machte den Zeitplan zunichte. Krupp kündigte seinen Rückzug am 1. April 1967 an. Seinen Geburtstag erlebte er nicht mehr: Am 30. Juli starb Alfried Krupp von Bohlen und Halbach an Lungenkrebs. Da der Tod überraschend schnell kam, starb Alfried so einsam wie Alfred und Fritz.

Der letzte Krupp

Es gibt noch viele von Bohlen und Halbachs, genannt „die Familie“. Manche haben eigene Unternehmen aufgebaut, auch mit Hilfe jener Millionen, die Alfried seinen Geschwistern auf Geheiß der Alliierten nach dem Krieg ausgezahlt hatte. Krupps gibt es nicht mehr. Aber drei Menschen wurden nach Alfried Krupps Tod noch mit diesem Namen der Dynastie in Verbindung gebracht.

Alfrieds geschiedene zweite Frau Vera machte sich mit dem Namen interessant und kombinierte ihn gar fröhlich mit dem „Baroness“ aus ihrer allerersten Ehe. Allerdings starb die „Baroness Krupp“ noch im selben Jahr wie Alfried Krupp.

Arndt von Bohlen und Halbach (1938-1986), Alfrieds einziges Kind, wurde nicht zufällig nach dem ersten Essener Krupp von 1587 getauft. Das verlockte manchen, ihn den „letzten Krupp“ zu nennen. Nach dem – 1943 durch Adolf Hitler erneuerten – Kaiserprivileg wäre das falsch. Man kann freilich fragen, ob solch ein Privileg in der zweiten deutschen Republik überhaupt noch hätte gelten können. Davon abgesehen: Schon Arndts Vater und Großeltern hatten nur im Namen der Firma Krupps sein wollen, nicht aber privat. Insofern stimmte es: Privatmann Arndt war nach seinem Erbverzicht kein Krupp. Der begabte, im Gegensatz zum Urgroßvater recht offensichtlich homosexuelle junge Mann stürzte sich in ein ausschweifendes Jet-Set-Leben, ohne je zu sich selbst zu finden. Er starb 1986 im Krankenhaus an Krebs. Allein, wie Alfred, Fritz und Alfried.

Schließlich ist da noch Berthold Beitz, den manche gern als „letzten Krupp“ bezeichnen. „Die Familie“ von Bohlen und Halbach gesteht ihm den Ehrentitel nicht zu und bezweifelt auch, dass Testamentsvollstrecker Beitz den Willen Alfried Krupps in allen Aspekten richtig interpretiert. Aber niemand kann behaupten, Krupp so nah gewesen zu sein wie Beitz, der doch in vieler Hinsicht ganz anders war als sein Chef: extrovertiert, charmant, draufgängerisch, Ehemann und Familienvater, in der Nazizeit mutiger Retter vieler Juden. Berthold Beitz ist in gewisser Weise ein Krupp, wie es ihn nie gegeben hat: Erfolgreich und glücklich, das konnte seit Firmengründer Friedrich wohl nur ein Mann sein, der nicht als Krupp oder als künftiger Krupp geboren wurde.

// Erschienen in Ruhr revue Ausgabe 04/2007

 
 

EURE FAVORITEN