Die Herzensmänner

Schrieb ein „Manifest für den Mann“: Autor Ralf Bönt.
Schrieb ein „Manifest für den Mann“: Autor Ralf Bönt.
Foto: JO SCHWARTZ
Was der Feminismus mit den Männern gemacht hat: neue Beiträge zur Geschlechterdebatte

Essen.. Ralf Bönt arbeitete gerade am neuen Roman, als ihm die Journalistin Ursula März eine lange verschlossen geglaubte Tür öffnete. Im „Zeit“-Feuilleton hatte sie erschöpft eine Pause gefordert: „mal zwei Jahre lang kein Gerede über Frauenrollen und Frauenleben“. Endlich! Bönt fand die Idee prima. Dann wäre doch Zeit, über Männer zu reden, schlug er erst in einem Essay vor. Und ließ dann für ein zorniges Männer-Manifest den Roman liegen. Stattdessen schrieb er sich die Empörung darüber von der Seele, „das entehrte Geschlecht“ zu sein.

Wie bitte?

Es hat sich ein neuer Ton eingeschlichen in die Geschlechterdebatte, eine Fokusverschiebung. Auch Frauen sind es leid, immer nur über Frauenrollen zu reden, über gläserne Decken, die Vereinbarkeit von Bla und Blubb. Der Feminismus, wie wir ihn kannten, hat sich überlebt. Er hat getan, was er tun konnte für die Frauen. Aber was hat er dem Mann (an-)getan?

Schlimmes, mutmaßte zuletzt Autorin Nina Pauer in einer großen Wehklage über die „Schmerzensmänner“: Hyperreflektierende 30-Jährige mit Bart, Strickjacke und Hornbrille, die nicht mehr zu Potte kommen mit der Dame ihrer Wahl. „Auf der Metaebene verheddert“ nannte sie das und ja, auch „die böse Waschlappen-Metapher“ fiel. Entrüstet entgegnete umgehend eine Riege von Feuilletonisten-Herren, die Damen wüssten selbst nicht, was sie wollten. Wirklich lieber einen Macho, eine hart arbeitende Familiengründermaschine, statt des unentschlossenen Mädchenmusik-Hörers? (Und müssten sie selbst dann nicht wieder ein bisschen weniger Macho sein, hm, die Damen?)

Mädchenmusik-Hörer

Vielleicht beginnt tatsächlich alles dort, wo Ralf Bönt ansetzt: Bei den „gewaltverherrlichenden Schwanz-Ab-Buttons“ der 70er-Jahre. Seither gelte der Mann als „das gefährliche Geschlecht, das man bekämpfen muss, wo immer es auftritt“. Heute sei die „Phallophobie“ eine „Grundstimmung der Gesellschaft“ und jeder Mann ein potenzieller Kachelmann oder Strauss-Kahn.

Bönt vermisst ein positives Bild der „maskulinen Körperlichkeit“. Gleichzeitig litt er schon in seiner Jugend darunter, dass jeder Junge ein Fußballspieler sein musste und fordert, leidgeprüft, das Recht des Mannes auf Krankheit und Schwäche – ohne gleich als Hypochonder abgetan zu werden. Ist es nicht ein Skandal, dass Männer früher sterben als Frauen? Mutmaßlich, weil sie seltener zum Arzt gehen – im Bestreben, den starken Ernährer zu geben?

Eine „geehrte Sexualität jenseits von Ablehnung, Diffamierung und Kriminalisierung“ fordert Bönt darum ebenso vehement wie „das Recht auf ein karrierefreies Leben“. Eindrücklich beschreibt der zweifache Vater, wie er in langen Abendstunden das Vertrauen seines neugeborenen Sohnes erobert hat. Denn, trotz aller Verwirrung und Verunsicherung: „Der Feminismus hat mir das größte Geschenk gemacht, das ich in meinem Leben erhalten habe: ein intaktes emotionales Verhältnis zu meinen Kindern.“

Herzensmann statt Schmerzensmann: was für ein schönes, modernes Rollenbild.

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