Die Geburtsstunde des Neoliberalismus

Henry Meyer (l) als Thatchers Strippenzieher, im Arm:  Michael Witte.
Henry Meyer (l) als Thatchers Strippenzieher, im Arm: Michael Witte.
Foto: Birgit Hupfeld
Der Roman „GB 84“ von David Peace erzählt vom Arbeitskampf. Intendant Peter Carp brachte ihn am Theater Oberhausen auf die Bühne.

Oberhausen. „Ich will mein altes Leben wieder haben“ verzweifelt Martin (Thieß Brammer). Prompt senken sich Arbeitsanzüge, Schutzhelme, Kopfleuchten von der Decke herab, wird die Bühne zur Kaue (Ausstattung Manuela Freigang, Natascha Nouak). Mit diesem überdeutlichen Bild, das noch rasch den Gedankensprung zur Bergbau-Tradition des Reviers bewerkstelligen soll, endet nach knapp drei Stunden die Bühnenfassung des Romans „GB 84“ von David Peace.

Im Roman wie auf der Bühne ist Martin buchstäbliche Randfigur und unverzichtbares Bindeglied zugleich. Erst indem dieser bis zur Selbstaufgabe Solidarität lebende Bergmann von den Auswirkungen eines 15 Monate währenden Arbeitskampfes auf alle Lebensbereiche des „kleinen Mannes“ erzählt, erhält „GB 84“ (Großbritannien 1984) eine emotionale und soziale Tiefe.

„Energiewende“ hin zum Atomstrom, Schließung unprofitabler Zechen, Privatisierung der verbleibenden, Massenentlassung – die Pläne der Regierung Thatcher und die Reaktionen der „National Union of Mineworkers“ mit ihrem so erzmarxistischen wie machtbesessenen Präsidenten Arthur Scargill lösten auf der Insel Ereignisse aus, in deren Folge 11 000 Streikende festgenommen, 9000 Bergarbeiter entlassen wurden. 1984 markiert die Geburtsstunde des Neoliberalismus, des zügellosen Neokapitalismus in Großbritannien.

2004 brachte David Peace seine wütende, halbdokumentarische Abrechnung mit diesem Stück englischer Zeitgeschichte heraus, 2014 erschien die deutsche Fassung; nun haben Stefanie Carp (Dramaturgie) und Peter Carp (Regie) den komplexen Stoff auf Bühnentauglichkeit überprüft. Doch dieser von Scargill (Torsten Bauer) und Thatcher (Janna Horstmann) betriebene „Kampf um England“ lässt den Zuschauer seltsam unberührt – für die moralisch unakzeptablen Schachzüge der Politik, die illegalen Geheimdienstaktionen (MI5), für den die Eskalation bewusst schürenden Einsatz der Polizei, für die Machenschaften der Gewerkschaftsführer gibt es bei uns nichts Vergleichbares. Dieses GB scheint von einer anderen Welt.

Langatmiges Hörspiel

Peace, der das Geschehen aus kleinen Mosaiksteinchen chronologisch zusammensetzt, lässt die Personen reden oder denken, meist ohne diese namentlich (z.B. Scargill) oder in ihrer Funktion (Geheimdienst, Doppelagenten) kenntlich zu machen. Carp muss die Akteure einführen mit der Folge, dass noch mehr geredet und erklärt wird und den exzellenten Darstellern (Jürgen Sarkiss, Klaus Zwick, Peter Waros, Hartmut Stanke, alle in Mehrfachrollen) umso weniger Gelegenheit zum Spielen gegeben wird. Ohnehin lässt die mit zahlreichen, wechselnde Orte markierenden Sitzgruppierungen verstellte Bühne echte Aktion kaum zu. Vieles in dem langatmigen Hörspiel, das nur einmal farbig wird, als sozialistisch-rote Gewerkschaftsbanner aufgezogen werden, bleibt unklar. Muss unklar bleiben, weil auch der teilweise themenüberladene Roman (Nordirland, IRA) sich oft nur in Andeutungen ergeht. Da ist etwa der engste Berater Maggie Thatchers, kurz „der Jude“ genannt. Dieser Strippenzieher (überragend Henry Meyer), das erfährt man en passant, hat einen Pogrom-Background (der Großvater floh einst aus Russland) und heißt Sweet. Warum Peace „Jud Süß“ ins „GB 84“ versetzt, das ist eine der Fragen, auf die es ebenfalls keine Antwort gibt.

Starker Beifall – allerdings hatten sich die Reihen nach der Pause deutlich gelichtet.

Termine: 9. u. 11.11,; 9. u. 10.12. (19.30 Uhr). Tel. 0208-8578184. Der Roman„GB 84“ von David Peace liegt als Taschenbuch bei Heyne vor (540 Seiten, 12,99 €)

 
 

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