Die doppelte Iokaste der Ruhrfestspiele

Veronika Maruhn (l.) und Birgit Remmert überzeugen mit ihrem Spiel in der Kammeroper "Iokaste".
Veronika Maruhn (l.) und Birgit Remmert überzeugen mit ihrem Spiel in der Kammeroper "Iokaste".
Foto: KRUSEBILD
Die Kammeroper von Stefan Heucke nach dem gleichnamigen Schauspiel von Jörg Maria Welke erntete bei der Uraufführung in Recklinghausen freundliche bis begeisterte Reaktionen. Die Inszenierung profititert von zwei glänzenden Protagonistinnen – leidet aber tendenziell unter einer unnötigen Ausdehnung des Stoffs.

Marl.. Schon als Schauspiel hat Jörg Maria Welkes Labdakiden-Drama „Iokaste“ eine gute Figur gemacht. Neun Jahre liegt das zurück. Jetzt ist das Stück als Kammeroper aus der Feder des Komponisten Stefan Heucke neu erstanden. Im Rahmen der Ruhrfestspiele stieß die Uraufführung der klingenden Neuschöpfung im Theater Marl auf freundliche bis begeisterte Reaktionen.

In seinem Libretto entwickelt Welke das Szenario der Ödipus-Tragödie aus der Sicht Iokastes, die vom Fluch der Labdakiden nicht weniger betroffen ist als ihr Sohn und Gatte Ödipus, die in den zahlreichen Bearbeitungen des Stoffs aber meist nur eine beiläufige Beachtung findet. Die Figur spaltet Welke in eine Schauspiel- und eine Gesangsrolle auf, wodurch der Berichtcharakter des inneren Monologs expressiv vertieft wird. Eine durchweg gelungene Lösung, zumal mit der Mezzosopranistin Birgit Remmert und der Schauspielerin Veronika Maruhn zwei glänzende Protagonistinnen auf der Bühne stehen.

Die stärksten Momente strahlt das Stück am Anfang aus, wenn die für Iokaste unglückliche Vorgeschichte ausgebreitet wird: ihre einseitige Liebe zu Laios, der sich freilich eher für den schmucken Chrysippos interessiert und den Fluch der Götter heraufbeschwört sowie die unglücklichen Umstände ihrer haarsträubenden Doppelrolle als Mutter und Gattin des Ödipus. Allerdings gleitet die Handlung immer stärker in eine Paraphrase der bekannten Geschichte ab, in der Iokaste immer mehr an eigenem Profil verliert. Und wenn dann noch die ganze Antigone-Handlung aufgewärmt wird, tritt Iokaste vollends aus dem Fokus. Damit verlängert sich das Stück ohne Gewinn und Notwendigkeit auf zweieinhalb Stunden, mindestens eine Stunde zu viel.

Regie mit viel Feingefühl und genauer Personenführung

Stefan Heucke nimmt als Komponist die Rolle eines musikalischen Illustrators ein, der eine farbig schillernde, meist tonal orientierte und effektvolle Partitur erstellte, die auch auf der Leinwand überzeugen könnte. Zusammen mit dem Charisma der Darstellerinnen vermag das Stück im ersten Teil mit seiner packenden Intensität durchaus zu faszinieren. Ein Gewinn, der dann freilich verschenkt wird. Dass das Orchester auf den Hintergrund der Bühne postiert wird, unterstreicht die eher dekorative Funktion der Musik.

Welke führt selbst Regie. Und das mit viel Feingefühl und einer akribisch genauen Personenführung ohne große Gesten und ohne optischen Aufwand, dafür aber mit treffsicherem Gespür für die inneren Bewegungen und Regungen der Figur.

Ein Canape, eine Kiste, zwei Feuerstellen und ein paar Stellagen mit Glasköpfen der Laios-Dynastie reichen Bühnenbildner Klaus Walter Stein für die Ausstattung, um den Damen genügend Freiraum für ihre meist introvertierten Reflexionen zu lassen. Eine in ihrer Reduktion sehr geschickte und überzeugende Lösung.

Die Duisburger Philharmoniker erfüllen ihre Aufgabe mit der von ihnen gewohnten Spielstärke. Rüdiger Bohn am Pult des klein besetzten Orchesters leitet den Abend mit gebotener Zurückhaltung und entsprechendem Sinn für die klanglichen Raffinessen der Partitur.

Ein interessanter Beitrag zu einem bekannten Stoff, der aber einer deutlichen Straffung bedarf.

 
 

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