Die Beat-Beauftragte

Uschi Nerke war von 1965 bis 1972 mehr als nur die TV-Ansagerin des „Beat-Club“ von Radio Bremen - sie war das aparte Gesicht der deutschen Beat-Generation. Mit frechen Zöpfchen und kessen Sprüchen sorgte sie für Begeisterung bei Teens und Twens – und für Entsetzen bei der Elterngeneration.

Liebe Frau Nerke, als der „Beat-Club“ am 25. September 1965 erstmals ausgestrahlt wurde, kam das einer Revolution gleich. Stimmt es, dass sich der spätere Tagesschau-Sprecher Wilhelm Wieben in seiner Anmoderation der Livesendung vorsorglich entschuldigte?

Nerke: Ja! Der hat sich bei den Erwachsenen dafür entschuldigt, dass jetzt eine Sendung von jungen Leuten für junge Leute kommt. Und das war keine Ironie. Heute man darüber nur noch schäbig grinsen.

Tanzende Jugendliche, laute Musik, Gogo-Girls, psychedelische Effekte: Das war natürlich eine Provokation für die brave Bundesrepublik, in der noch immer der Nachkriegsmuff und „Das tut man nicht“ regierten. Welche Reaktionen haben Sie denn persönlich zu spüren bekommen?

Nerke: Ach, ich muss ehrlich sagen: Ich habe nur Zustimmung bekommen.

Wie – keine Drohungen oder dergleichen?

Nerke: Es gab nur einen einzigen Brief an das Team: „Man sollte euch alle vergasen!“ Aber das war eigentlich schon alles. Dafür kam ein ganz süßer Brief von einem 85-Jährigen: „Ich wollte euch sagen – bisher hatte ich es nur im Rücken. Jetzt hab’ ich’s auch noch in den Knien!“ (lacht) Ich glaube, das war so ein Aufatmen, dass endlich mal was anderes kann. Nicht immer die gleiche Soße mit Showtreppe und Showmaster und so...

Wie man hört, hatten Sie und der Ko-Moderator der ersten Sendungen, Gerd Augustin, ein ganz bestimmtes Ritual, um vor der Sendung das Lampenfieber loszuwerden…

Nerke: (denkt nach) Ach, unser Cognac! Ja, ich bin mit einem Cognac durchs ganze Studio gerannt. In die Tonregie, zu jedem Kameramann – und jedes Mal hab ich ein Nipperchen genommen und „Toi, Toi, Toi“ gesagt.

Was war denn die schönste Panne, die sich bei den Livesendungen ereignete?

Nerke: Das weiß ich noch ganz genau! Bei einer Livesendung, 1966 oder 1967, sollten die Seekers auftreten. Und ich: „Und jetzt kommen die Seekers mit ... äh ...verdammte Scheiße, mir fällt der Titel nicht ein!“ Können Sie sich vorstellen, was da los war?

In etwa...

Nerke: Ich bin tausend Tode gestorben, kriegte sofort ’ne Abmahnung von meinem Chef Mike Leckebusch – Halleluja Billy! – und dann kam die Bild-Zeitung mit der Schlagzeile: „Endlich ein Mensch vor der Kamera!“

Sie hatten Kontakt zu unzähligen Stars - Jimi Hendrix, Deep Purple, Black Sabbath, The Who... Wie nah sind Sie diesen Leuten gekommen?

Nerke: Wir haben ja viele Bands aufgenommen und dann die Filme in der Live-Sendung eingespielt. Zum Beispiel habe ich in London mit dem Who-Sänger Roger Daltry eine ganze Nacht auf dem Fensterbrett der Hotelhalle gesessen, Wir haben unser Bierchen geschlürft und geklönt und geklönt... Ich bin auch mit ganz vielen anderen noch heiß und innig befreundet, zum Beispiel mit Dave Dee oder Scott McKenzie, der „San Francisco“ gesungen hat.

Sie waren – pardon, sind Sie natürlich noch – eine hochattraktive Frau. Gab’s denn da auch mal eindeutig zweideutige Angebote?

Nerke: Ach, ich hab’ einige Heiratsanträge bekommen. Aber eher von Fans: „Ich bin total in dich verknallt“ und so.

Was viele nicht wissen: Sie haben von 1962 bis 1968 Architektur und Hochbau studiert – und in der Folge ein eigenes Architekturbüro geleitet, parallel zum „Beat-Club“ und der Folgesendung „Musikladen“. Und das ließ sich vereinbaren?

Nerke: Ich will Ihnen eins sagen: Die Sendungen waren einmal im Monat. Es waren vielleicht zwei Aufnahmetage. Da war genug Zeit für was Ernsthaftes.

Was bestimmt heute Ihr Leben? Eher der Beat oder eher das Bauwesen?

Nerke: Nee, Bauwesen hab ich aufgehört. Ich mache Musik – und habe angefangen zu schreiben. Geschichten über unsere Tiere. Wir haben so viele: Katzen sowieso, wir hatten einen Hund, einen Zwergziegenbock, Karnickel, Papageien... Das Hörbuch heißt: „Glückskätzchen zu verschenken.“

Sie moderieren ja bei Radio Bremen im Radio immer noch jeden Samstag einen „Beat-Club“. Und sind bei vielen Oldie-Festivals dabei, auch bei uns. Mission noch nicht erfüllt?

Nerke: Ich wollte ja mit 60 aufhören – nicht mehr über die Bühne turnen. Aber so lange mich die Leute noch sehen wollen, ist das in Ordnung.

Bekommen Sie noch immer Post von Verehrern?

Nerke: Ja, von den damaligen Zuschauern – und sogar von den Söhnen. 27-, 28-Jährige, die von Ihren Vätern auf die Musik gebracht wurden.

Die alten Sendungen sind ja auch häufig wiederholt worden.

Nerke: Ja, und ich fange jetzt gerade an mit Sprachaufzeichnungen für die ganze DVD-Reihe an. Die soll am 17. November erscheinen.

Haben Sie mal nachgezählt, wie viele Stars in Ihren Sendungen zu Gast waren?

Nerke: Hugo Egon Balder hat bei den „Hitgiganten“ gesagt: „Uschi, du hattest sie alle!“ (lacht) Die Freundin meines Sohnes hat mal die ganzen Namen der Bands aufgeschrieben. Ich hab’ hier die Liste liegen. (blättert) Wieviele sind das? 24, 25... 26 Seiten! Aber was ich bei der ganzen Sache so wahnsinnig bedauert habe: So viele sind schon tot. Wenn ich meine Radiosendung bei Bremen 1 mache, dann habe ich manchmal eine halbe Stunde lang nur Leute, die nicht mehr da sind. Und das geht mir an die Nieren.

Das bringt das Geschäft mit sich, oder?

Nerke: Nein! Ich selbst hab’ ein einziges Mal in London einen Joint geraucht. Und dann noch nicht mal die Toilette gefunden.

 
 

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