Die Axt im Walde

Jan Pröhl (re., mit Laura Kiehne) als Staatsanwalt, der eine Revolution lostritt. (Foto: Thilo Beu)
Jan Pröhl (re., mit Laura Kiehne) als Staatsanwalt, der eine Revolution lostritt. (Foto: Thilo Beu)
Max Frisch hat es sich nicht leicht gemacht mit seinem Stück „Graf Öderland“. Drei Fassungen hat er geschrieben, nur die letzte darf noch gespielt werden. Das Theater Essen hat das Werk über das Aufbegehren gegen die bürgerliche Ordnung jetzt im Programm.

Essen. Kein Wunder, dass dieses Stück vor 50 Jahren das Theaterpublikum nicht wenig verstörte. Und kein Wunder auch, dass bei dieser Thematik der Autor Max Frisch zwischen 1951 und 1961 immer wieder neue Fassungen versuchte, weil er mit dem Ende nie zufrieden war. Handelt doch „Graf Öderland – Eine Moritat in zwölf Bildern“ immerhin vom blutigen Aufbegehren gegen die bürgerliche Ordnung.

Ein Bühnenwerk, um das derart gerungen wurde, das aber relativ selten zu sehen war, das wird leicht zu einem Theatermythos. Zumal Frisch es später wiederholt als sein „liebstes“ und „lebendigstes“ Stück bezeichnete. Die Regisseurin Konstanze Lauterbach zeigt jetzt mit ihrer Inszenierung des „Öderland“ am Theater Essen, dass auch Mythen noch sehr viel Leben versprühen können.

Es beginnt mit einem Kassierer, der offenbar ganz ohne Motiv den Hausmeister der Bank mit einer Axt erschlagen hat. Langeweile könnte der Grund gewesen sein, meint der Mann, der 14 Jahre mit Geld hantieren musste, ohne dass er eine Ahnung davon gehabt hätte, wie das mit dem Geld eigentlich funktioniert.

Keine Gefangenen

Der Staatsanwalt ist der einzige, den diese Aussage beunruhigt, denn er selbst spürt diese Unzufriedenheit, immer nur funktionieren zu müssen. Als Konsequenz greift auch er sich eine Axt und macht sich auf in die Wälder. Schon bald hört man vom Axtmord an drei Grenzbeamten – und vom sagenhaften Graf Öderland, der keine Gefangenen macht.

Mit einem kalten Traum aus Schnee, Eis und Marmor unterstützt die Bühnenbildnerin Kathrin Frosch die vor allem an starken Bildern interessierte Regisseurin. Selbst die Haare des Mörders (stark: Jörg Malchow) leuchten weiß, wenn man sie als Negativ projiziert. Und wie Jan Pröhl seinen Staatsanwalt aus dem Minusbereich seiner Seele herausführt, den Bürokraten in sich jedoch nie ganz abschütteln kann, das ist schon eine reife Schauspielerleistung. Am Ende ist aus seinem Ausbruch ungewollt eine um sich greifende Revolution geworden, er selbst steckt schließlich wieder in der Zwangsjacke seines alten Daseins. Die Macht, der er einst entfliehen wollte in die Anarchie des Ungeplanten, diese Macht verkörpert er nun selbst in einem Gewand, das ihm zur Zwangsjacke wird.

Eine erstaunliche Stückauswahl führt in Essen zu einem erstaunlichen Abend. Er wäre noch besser, wenn die Regisseurin gelegentlich zurückhaltender in Sachen Deutung wäre. Die Zuschauer etwa mit einem chorisch gesprochenen „Zauberlehrling“ von Goethe in die Pause zu schicken, der nun mit all den „Geistern, die er rief“ zum Erklärstück ernannt wird, das hat doch etwas sehr Oberlehrerhaftes.

 
 

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