Warum Karl Bartos Streaming-Dienste nicht mag

Stefan Reinke
Karl Bartos war über Jahre hinweg Mitglied der Band Kraftwerk.
Karl Bartos war über Jahre hinweg Mitglied der Band Kraftwerk.
Foto: Patrick Beerhorst
Karl Bartos hat Kraftwerks Musik geprägt. Im Interview spricht er über sein Album "Communication" und sein musikalisches Erweckungserlebnis.

Essen. Bach, Beatles, Bartos – auch wenn der Ex-Kraftwerker bei diesem Dreiklang vermutlich heftig den Kopf schütteln würde, so hat seine Musik dennoch unbestreitbar Generationen von Musikern und Fans beeinflusst und maßgeblich die Geschichte des Pop beeinflusst. Bartos war es, der den Songs von Kraftwerk die gewisse Leichtigkeit verlieh. Diese Arbeit, die Liebe zum Klang und zur feinen Melodie setzt er in seinem Solowerk fort, das er nach und nach auf den aktuellen Stand der Technik bringt. Das Album "Communication" aus dem Jahr 2003 erscheint nun in remasterter Fassung.

Im Interview spricht Karl Bartos über seine Beziehung zu Musik und erklärt, welche Bedeutung er Musik beimisst. Er erzählt von seinem musikalischen Erweckungserlebnis und äußert Zweifel an den neuesten Entwicklungen im Musik-Business.

Herr Bartos, ich habe Sie und Kraftwerk am selben Wochenende live gesehen. Ziemliches Kontrastprogramm...

Karl Bartos: Kraftwerk ist ein Millionen-Ding. Die haben riesige Budgets für ihre Show. Das ist bei uns natürlich anders.

Dennoch gibt es Parallelen. Bei beiden Konzerten fand ich, dass stellenweise der moderne Sound und die teils sehr retrospektiven Video-Installationen in Widerspruch zueinander standen. Ist dieser Konflikt gewollt?

Bartos: Was heißt Konflikt? Bei „Tour de France“ war von vorn herein klar, dass ich Bilder von der Tour de France aus den Achtzigerjahren brauche. Damals hatten die Fahrer etwa noch gar keine Werbebanner auf den Trikots. Ich wollte die Ästhetik dieser Zeit abbilden. So ist das bei den meisten Filmen. Ich verwende Bilder aus der Zeit, in der der Song komponiert worden ist. Ich arbeite aber auch mit animierten Piktogrammen, die eher zeitlos sind. Ich halte viel davon, Bilder der Zeit zu benutzen, aus der die Musik stammt. Ich tue mich schwer damit, zum Beispiel eine Inszenierung der Zauberflöte zu sehen, die visuell im Hier und Jetzt spielt. Das geht natürlich, aber ich hätte lieber eine originalgetreue Aufführung. Eine der größten Eigenschaften der Musik ist es, die Zeit zu konservieren. Egal, ob es eine Aufnahme oder eine Aufführung ist.

Mit dem Re-Release Ihres Albums „Communication“ verstoßen sie etwas gegen diese Regel. Da wurde ja ordentlich am Sound geschraubt.

Bartos: Ja, wir haben es remastern lassen, aber die Musik an sich hat sich nicht geändert. Es gibt zwei Gesichter von Musik und Kunst. Das eine ist der Zeit zugewandt, das andere der Zeitlosigkeit. Die Musik von Johann Sebastian Bach ist 300 Jahre alt, wird aber zum Leben erweckt, wenn ein Pianist die Noten spielt. Dann sehen wir das Gesicht, das der Unendlichkeit zugewandt ist.

Die Aufnahme von Communication ist aber gerade mal 13 Jahre alt. Die Themen, die ich dort anspreche, sind nicht einer Mode unterworfen. Elektronische Medien und Massenmedien haben sich in der Zeit leider nicht besonders positiv weiterentwickelt. Als ich 2000 darüber nachgedacht hatte, kamen gerade die Casting Shows auf. Ich hätte damals nicht gedacht, dass die heute immer noch existieren.

Wenn Sie Zeitgeschehen reflektieren, wie sieht es dann mit neuem Material aus?

Bartos: Ich schreibe seit zwei Jahren an meiner Autobiografie, die zur Weihnachtszeit fertig wird.

Die vertonen Sie aber nicht?

Bartos: Nein, nein. Ich bemühe mich, Musik so zu machen, dass ich nicht einer Mode hinterher hinke. Was modern ist, ist oft auch modisch und einer Mode unterworfen. Wenn man Musik komponiert, ist das ja so etwas wie ein akustisches Tagebuch. Meine erste Soloplatte „Esperanto“ ist von 1993. Da höre ich genau die Zeit, in der ich mich damals befand. Die drei Alben, „Communication“, „Off the record“ und „Esperanto“ könnte ich im CD-Spieler auch in zufälliger Reihenfolge abspielen. Ich bemühe mich, den Klang an sich in den Vordergrund zu stellen, statt die Mode der jeweiligen Zeit. Wenn man zu sehr die Mode im Vordergrund hat, läuft man Gefahr, dass die Musik nicht mehr wirkt, wenn man sie zu einem späteren Zeitpunkt hört.

Man könnte Ihnen dann auch vorwerfen, sich nicht weiter zu entwickeln. Oder positiv formuliert, gehen Sie Ihren eigenen Weg. Es gibt aber auch Musiker, die ihren charakteristischen Klang behalten und dennoch mit der Zeit gehen. Lassen Sie sich von aktuellen Strömungen inspirieren oder schotten Sie sich gegen Einflüsse eher ab?

Bartos: Ich schotte mich nicht ab, ich höre mir das an, was mich interessiert. Demnächst schaue ich mir die Matthäus Passion im Michel an. Neulich habe ich Stravinskis Sacre du Printemps gehört. In diesen Werken sind Gedanken enthalten, die die Musik revolutioniert haben. Stravinski hat damit gebrochen, dass Musik immer ein gleichförmiges Metrum haben muss. Das ist ein Grundgedanke, der das ganze 20. Jahrhundert geprägt hat. Für mich macht es mehr Sinn, über solche Methoden nachzudenken als über das, was gerade modern ist. Es ist nicht die Aufgabe von Musik, modern zu sein. Das ist das Letzte, was Musik sein muss, finde ich. Natürlich muss Musik ein Symbol ihrer Zeit sein, aber sie muss auch kommunizieren. Die Grundaufgabe von Musik ist es, Menschen miteinander zu verbinden.

Es gab mal einen gescheiterten Kunststudenten aus Liverpool...

John Lennon...

Bartos: … der hat gesungen: „Come together right now, over me“. Das ist für mich der Grundgedanke, weshalb Musik so wichtig ist.

Wo Sie gerade die Beatles ansprechen: Sie haben einmal gesagt, dass Ihnen bei den Beatles die Tränen kommen. Meinen Sie das in emotionaler, nostalgischer Hinsicht oder in musikalischer?

Bartos: Das war eine Metapher. Musik ist ja eigentlich nur klingende Luft. Die Emotionen, die der Komponist hat, haben nicht viel mit den Emotionen zu tun, die beim Hörer entstehen. Jeder hört Klang anders.

Aber mit einem entsprechenden Text lassen sich diese Emotionen ja lenken.

Bartos: Genau. Das ist der Sinn der Lyrik. Sie gibt der Musik und den Gedanken des Hörers eine Richtung. Wenn ich sage, das Stück heißt „Tour de France“, dann klingt das auch nach Tour de France, obwohl die Melodie natürlich gar nichts mit Radfahren zu tun hat.

Kraftwerk als elektronische Beatles 

Zurück zu Beatles: Sind die so etwas wie Ihr musikalischer Rucksack?

Bartos: Jeder Mensch hat eine Klangbiografie. Als junger Mensch nimmt man Geräusche als Information wahr: das Radio, die Stimme der Mutter, das Bimmeln der Straßenbahn, Kirchenglocken und so weiter. Als ich in die Pubertät kam, habe ich die Beatles gehört. Der Mann meiner Schwester brachte das Album „A hard day's night“ mit. Dieser erste Akkord: „Brrrrrinnnng!“, der hat dafür gesorgt, dass ich diese Art von Klang mit meiner Gefühlswelt verband. Von diesem Augenblick an wurde Musik für mich zu etwas Anderem als bloßer Information.

Zu was genau?

Bartos: Musik hat mich berührt. Das war der Unterschied. Vorher war Musik nur Radio an oder Radio aus. Jetzt sprach der Klang zu mir. Ich konnte ja nicht mal gut Englisch, aber trotzdem kommunizierte die Musik mit mir.

Die Beatles bilden meiner Meinung nach die Essenz oder die Basis dessen, was Rockmusik ausmacht. Gleiches gilt für Kraftwerk bei elektronischer Musik. Wenn ich zu viel laute und durchgestylte Musik höre, greife ich gerne auf Kraftwerk zurück, um da wieder runter zu kommen. Sind Sie sich der Rolle bewusst, eine ähnliche Bedeutung zu haben wie die Beatles?

Bartos: Durch die Arbeit an meiner Autobiografie beschäftige ich mich sehr intensiv damit. Aber ich habe Kraftwerk ja nicht gegründet, sondern bin mit 22 Jahren dazu gekommen und 15 Jahre geblieben. Ich habe da einiges erlebt und die Chance gehabt, einiges zu gestalten. Dass sich diese Band so entwickelt hat, hat sich eigentlich erst in den Neunzigerjahren abgespielt, als ich nicht mehr dabei war. Insofern ist das Thema für mich etwas unvollendet.

Ich habe mein Leben der Musik gewidmet. Diese Wertschätzung der Gruppe Kraftwerk als elektronische Beatles kommt von außerhalb. Das möchte ich nicht kommentieren. Das sollen andere machen.

Sie sagten vorhin, dass sie noch weitere Ihrer Alben neu veröffentlichen wollen.

Bartos: Ja, aber nicht sofort. Ich möchte da ein Paket schnüren. Vor allem liegt mir was an den Vinyl-Platten. (denkt lange nach) Ich bin kein Freund von Streaming-Portalen. Ich habe gelesen, da bekommt man Zugang zu 30 Millionen Songs. Wer soll die denn alle hören? Das scheint mir aus dem Ruder zu laufen. Diese Entwicklung interessiert mich höchstens als Phänomen. Irgendwann werden die Telekommunikations-Unternehmen alle Rechte an Musik haben. Die Inhaber der Übertragungsmöglichkeiten bestimmen schon immer über die Inhalte. Das sehe ich mit Sorge, weil es die Prozesse, die Musik entstehen lassen, verändert.

Aber Streaming macht Musik vielen Menschen zugänglich.

Bartos: Das Internet macht auch Sex vielen Menschen zugänglich, aber besser ist es doch, einen Partner zu haben.

Ich unterscheide zwischen Hören und Zuhören. Überall laufen Leute mit Kopfhörern rum, aber hören die auch zu? Der Unterschied ist doch der, dass Zuhören bedeutet, zu hören und zu denken. Wenn wir das verlernen, begreifen wir nicht mehr, was Musik ist, sondern werden einfach beschallt. Es geht nicht mehr um musikalische Inhalte.

Das klingt pessimistisch.

Bartos: Nein, eigentlich bin ich eher ein Optimist. Aber die Medien machen den Fehler, sich weg von Inhalten zu entwickeln. Zum Glück haben aber beispielsweise Musikschulen einen großen Zulauf. Eine musikalische Ausbildung scheint immer noch eine Bedeutung bei der Bildung zu haben und darauf legen offenbar viele Menschen Wert.