Die andere Alice Schwarzer - eine Autobiografie

Britta Heidemann

Essen. In ihrer Autobiografie „Lebenslauf“ schreibt die Journalistin und Feministin Alice Schwarzer über ihre Anfänge. Sie entwirft dabei ein ganz anderes Bild von sich selbst - und erlaubt erstmals Einblicke in ihr Privatleben.

„Man glaubt zu wissen, wer ich bin“: Nämlich wahlweise eine „Hexe“, „frustrierte Tucke“ oder „Nachteule mit dem Sex einer Straßenlaterne“. Tatsächlich könnte die Kluft zwischen Selbst- und Fremdbild der Alice Schwarzer kaum größer sein; das macht ihre Autobiografie zu einer kleinen Sensation. Entblättert die 68-Jährige doch, getrieben von „Neugier auf sich selbst“, Seiten ihres Lebens, die sie bisher bewusst verborgen hielt.

Da ist das kleine Kind, das unehelich und unerwünscht zur Welt kam und bei den Großeltern am Waldrand von Wuppertal-Elberfeld aufwuchs: bei einem liebevoll sorgenden Großvater und einer labilen Großmutter. Da ist das „rebellische Mädchen“, das von Schule zu Schule gereicht wird und sich nur im Kreis der Freundinnen so recht wohl fühlt. Da ist die „strenge junge Frau“, die als Volontärin bei der Westdeutschen Zeitung erste journalistische Schritte geht – mit launigen Karnevalstexten. Da ist die Jungredakteurin einer Frauenzeitschrift, die sich wider besseren Wissens mit Diäten und Quarkmasken quält...

Wie wurde Alice zu „der Schwarzer“? Sie ist ehrlich um eine Antwort bemüht, das macht sie ungewohnt sympathisch. Sie öffnet sich. So weit, dass sie erstmals über ihr Liebesleben Auskunft gibt. Die wahre Überraschung dabei ist nicht, dass sie seit sehr langen Jahren mit einer Lebensgefährtin das Beziehungsideal von „Freiheit in Vertrautheit“ lebt. So gar nicht zu ihr zu passen scheint die langjährige Liebesbeziehung zu Bruno, ein Pariser aus gutem Hause, den sie 1964 am Strand von Saint-Maxime kennenlernt. Er spricht sie an – umgekehrt wäre es ja für sie undenkbar gewesen! Gemeinsam leben sie in Paris, Schwarzer arbeitet als freie Korrespondentin und knüpft erste Kontakte zu feministischen Frauengruppen.

Der Kampf Frau gegen Frau prägt Alice Schwarzers Leben

Hier beginnt ein Kampf, der ihr Leben prägen soll: der Kampf Frau gegen Frau. Denn schon in Paris zeichnen sich die Konfliktlinien ab. Schwarzer ist Minirock-Trägerin und hetero, was viele ihrer Mitschwestern nicht verstehen. Später, als sie längst sackartige Kleider trägt und in Berlin mit der Psychologin Ursula zusammenlebt, wird die Kampfschrift „Der kleine Unterschied“ sie berühmt machen – und erneut aus dem feministischen Kollektiv herausheben. Was ihr damals noch unangenehm war, obschon sie bereits in Frankreich erkannte, dass der Kampf um Gleichberechtigung Gesichter braucht.

In Paris war es die 61-jährige Simone de Beauvoir, die sich für die Sache der „filles“, der „Mädchen“, stark machte. Ihre erste Begegnung verlief grotesk: Da interviewt Schwarzer, ganz „28-jährige Blondine“, im Minikleid den großen Sartre – und wird von Beauvoir mit eisigem Schweigen bedacht. Später werden die beiden Freundinnen.

Und wenn Schwarzer die 1986 gestorbene Beauvoir eine „Leitfigur“ nennt und sich eine „Tochter“, dann schwingt da eine Achtung mit, die Alice Schwarzer von ihren „Töchtern“ verwehrt wird. Mehr als einmal fällt der Name Kristina Schröder: Die CDU-Ministerin hatte Schwarzer nicht nur in aller „Unbedarftheit“ falsch verstanden – sie hatte ihr Vermächtnis geleugnet.

Bis heute sitzt sie zwischen allen Rollen

Nun macht Schwarzer noch einmal eindrucksvoll deutlich, was sie geleistet hat. Erteilt uns Nachgeborenen eine Lektion in Feminismusgeschichte, die uns nervös den Lippenstift wegknabbern lässt. Haben wir ihr Erbe verprasst? Wie sie 1971 die Stern-Kampagne „Ich habe abgetrieben“ initiierte, wie sie im TV mit Esther Vilar stritt – das sind Meilensteine. Was immer man heute über Sätze wie diesen denkt: „Das Klima in Sachen Abtreibung ist Anfang des 21. Jahrhunderts in Deutschland vom christlichen Fundamentalismus geprägt.“ Auch an vielen anderen Stellen – von Kopftuch bis Kachelmann – schießt sie oft übers Ziel hinaus.

Vielleicht könnte man es so sagen: Sie kam aus dem Kämpfen einfach nicht mehr heraus. Die Spiegel-Redaktion lehnte sie ja einst ab, als Augstein sie holen wollte – zu feministisch, zu kämpferisch. Die Frauenzentren beschimpften sie, als sie „Emma“ gründete und ein Interview mit Romy Schneider führte – zu wenig feministisch, zu glamourös.

Ambivalenz ist ihr Schicksal. Im Privaten weiß sie die Uneindeutigkeiten zu schätzen. „Mich interessiert der Rollenbruch“, heißt es einmal: „Frauen mit einem Schuss Männlichkeit – und Männer mit einem Schuss Weiblichkeit. Hundertprozentige Frauen bzw. Männer finde ich öde. Ich habe es am liebsten dazwischen.“ Da sitzt sie ja selbst, bis heute: zwischen allen Rollen.