Dicke Luft bei der "Berliner Zeitung"

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Berlin. Bei der "Berliner Zeitung" gibt es dicke Luft, mal wieder: Betriebsrätin Gensch befürchtet, das Blatt könne seinen Status als Vollredaktion verlieren.

Es schien alles wieder gut zu werden, bei der „Berliner Zeitung“, Anfang dieses Jahres. Der umstrittene britische Investor David Montgomery war weg, und mit dem Kölner Medienkonzern DuMont-Schauberg (MDS) gab es offenkundig einen neuen Eigentümer, der etwas von dem Metier versteht und, mehr noch, Liebe zum Produkt mitbringt. Doch jetzt haben die Flitterwochen ein Ende gefunden.

Die Betriebsratsvorsitzende Renate Gensch befürchtet in einem Offenen Brief an den Publizistischen Beirat und den MDS-Vorstand, die „Berliner Zeitung“ könne ihren Status als Vollredaktion mit allen Ressorts durch die angekündigten Sparpläne des rheinischen Medienmultis verlieren – aus ihrer Sicht ein Verstoß gegen das Redaktionsstatus. So sei die „Berliner Zeitung“ ohne in die Redaktion integriertes Hauptstadtbüro sowie ohne eigenständige Wirtschafts- und Wissenschaftsredaktion nicht denkbar.

"Zu sinnvollen Kooperationen bereit"

Genauso undenkbar seien die MDS-Titel „Frankfurter Rundschau“, „Kölner Stadtanzeiger“ und die in Magdeburg erscheinende „Mitteldeutsche Zeitung“ „ohne unabhängige Politikberichterstattung“. Gensch betont, der Betriebsrat sei „durchaus zu sinnvollen Kooperationen innerhalb der MDS-Gruppe“ bereit – etwa beim Austausch von Texten und Grafiken.

Zugleich pochte sie auf „Grenzen der Kooperation“. Sie seien für die Titel der MDS-Gruppe notwendig „zur Wahrung ihrer Identität“. Gensch: „Mit unserer Bereitschaft zum Austausch haben wir die Hand gereicht; den ganzen Arm wollen wir uns nicht nehmen lassen.“ Deshalb habe sich die Redaktionsversammlung für einen vorläufigen Stopp des Austausches ausgesprochen. Stattdessen sollen bisherige Erfahrungen ausgewertet und Schlüsse für eine Verbesserung gezogen werden, verlangen Gensch & Co.

Rund 163.800 verkaufte Exemplare

Gensch verwies darauf, die Redaktion der „Berliner Zeitung“ produziere „weiterhin ein hochwertiges, respektiertes und wirtschaftlich erfolgreiches Blatt“. Tatsächlich steht das Hauptstadtblatt auch in Zeiten der Krise verhältnismäßig gut da. Mit rund 163.800 verkauften Exemplaren verbuchte der Titel binnen Jahresfrist nur ein Minus von 1,26.

Das könne sich mit den Sparplänen der MDS-Gruppe, argwöhnt Gensch. Das Ergebnis werde „journalistischer Einheitsbrei“ sein. Stattdessen fordert die Gewerkschafterin Gensch „Investitionen in Personal, Technik und den Online-Bereich.“ Tatsächlich gibt es bei der Reichweite der Internet-Auftritte der MDS-Gruppe Luft nach oben. Das Nachrichten-Portal des „Kölner Stadtanzeigers“ rangierte im Juni dieses Jahres auf Platz 18, das der „Frankfurter Rundschau“ auf 22, und die „Berliner Zeitung“ hat es bisher nicht in die Top 25 geschafft.

Ob die Berliner Redaktion mit ihrem Protest Erfolg hat, bleibt abzuwarten. Die Lage des deutschen Zeitungsmarktes spricht dagegen.

 
 

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