Deutschland hält ägyptische Raubkunst länger fest als nötig

Ägyptens große alte Kunst: Die Pyramiden von Gizeh.
Ägyptens große alte Kunst: Die Pyramiden von Gizeh.
Foto: Getty
Nun müssen nach einem Urteil des Landgerichts Freiburg drei von Grabräubern gestohlene Kulturschätze an Ägypten zurückgegeben werden. Sie lagern seit fünf Jahren in deutschen Asservatenkammern. Ein Gesetz des Bundestages sorgt für unnötige Verzögerungen.

Essen.. Der Zoll findet in der Regel Drogen, stellt auch mal eine Million Euro in bar sicher oder Giftfrösche. Was Stuttgarter Zollfahnder aber am 13. Februar 2009 bei einer Kontrolle im süddeutschen Weil am Rhein entdeckten, war jenseits aller Routine. Aus einem aus der Schweiz einreisenden Auto packten sie aus: Ein 5000 Jahre altes Schnur-Ösengefäß. Ein Statuenschrein, 1250 v. Chr. Ein Obelisk, der Region von Saqqara am unteren Nil zuzuordnen und um 2400 v. Chr. entstanden. Als jüngstes Stück ein Familienmonument, geschaffen etwa 700 v. Chr. Die Beamten standen vor steinernen Zeugen aller pharaonischen Epochen Ägyptens, die sich zwischen 3000 und 500 v. Chr. entwickelten – Stoff, aus dem die Wissenschaft Geschichte liest.

Die Spurensuche hat auf eine Schmuggelroute geführt, die von der uralten Nil-Metropole Luxor über den italienischen Hafen La Spezia bis zum Rhein reichte. Am Ende sollte die heiße Fracht wohl nach Belgien gehen. Der Kurier, ein Niederländer, musste der deutschen Staatskasse 35 000 Euro zahlen – wegen Steuerhinterziehung.

Diplomatische Scharmützel

Ungewöhnliche Sicherstellungen zeigt der Staat gerne herum. Im Februar 2009 ist das nicht passiert. Stattdessen schloss sich dem Grenzer-Coup eine lange Leidensgeschichte der Relikte an. Im April 2009 hat das Auswärtige Amt die ägyptische Regierung informiert. Diplomatische Scharmützel gingen hin und her. Deutschland übermittelte einschlägige Rechtsvorschriften. Ägypten schrieb zurück, man könnte sie nicht wie gefordert erfüllen. Jetzt wartet man am Nil schon fünf Jahre auf das Paket.

Warum fällt es deutschen Behörden schwer, Eigentum zurückzugeben, das als geraubtes Kulturgut einer Region klar zuzuordnen ist? Die große Hürde ist das Kulturgüterrückgabegesetz. Weltweit werden jährlich geraubte Altertümer im Wert bis zu 20 Milliarden Euro verschoben, schätzen Experten. Schon zentimetergroße Figuren werden auf Schwarzmärkten mit 50 Millionen Euro gehandelt, erzählt der Kriminalarchäologe Michael Müller-Karpe. Das hat das Parlament 2007 bewogen, die Unesco-Konvention zum Kulturgutschutz von 1970 in ein eigenes Gesetz zu fassen. Mit 37 Jahren Verspätung. Dafür aber sehr preußisch.

Für die Rückgabe gibt es Bedingungen

Das Gesetz knüpft die Rückgabe an genaue Bedingungen. Die erste: Will ein Land Altertümer zurückbekommen, müssen diese schon vor dem Raub in einem elektronischen Verzeichnis beweglichen nationalen Kulturgutes gelistet sein. Nötig sind bis zu 16 Merkmale je Objekt. Die zweite: Deutschland muss die Liste offiziell zur Kenntnis erhalten haben.

In einem Report an den Bundestag hat der inzwischen ausgeschiedene Kultusstaatsminister Bernd Neumann 2013 das Gesetz massiv kritisiert. Nur Mexico und Ecuador, sagt er, verfügen über eine solche Liste. Burkina Faso hat ein Papier – aber mit 113 Eintragungen fester Gebäude, die niemand stehlen kann. Die Türkei meint, die deutsche Regel sei „nicht praktikabel“. Das Gesetz habe zwischen 2008 und 2013 „in keinem einzigen Fall“ gewirkt, klagt Neumann – obwohl zentralamerikanische Länder sowie Ägypten, Iran, Irak, die Türkei, Russland und China Rückgabeforderungen gestellt hätten. Alle seien gescheitert.

Der Obelisk kann bald nach Hause

Das Auswärtige Amt ist überzeugt: „In den vergangenen Jahren wurden zahlreiche Kulturgüter aus Deutschland an ihre Herkunftsstaaten zurückgeführt“. Nicht über das umstrittene Gesetz, auf anderen Wegen. Das ist umstritten. Neumann kennt nur „Einzelfälle“.

Der Obelisk, das Familienmonument und der Schrein können wohl bald nach Hause. Nicht die Politik hat das eingefädelt. Die 8. große Wirtschaftsstrafkammer des Freiburger Landgerichts hat angeordnet, drei der vier beschlagnahmten Stücke an Ägypten herauszugeben. Beim vierten, dem Ösengefäß, bestehen allerdings Zweifel an der Echtheit.

 
 

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