Der zweite Blick aufs U

Frank Maier-Solgk
Das Dortmunder U spiegelt sich in einer Glasfassade an der Kampstraße.
Das Dortmunder U spiegelt sich in einer Glasfassade an der Kampstraße.
Foto: WR/Franz Luthe
Ein „Bilbao“-Effekt will sich im neuen Wahrzeichen nicht einstellen, aber einige Künstler-Inititiativen lassen hoffen. Dortmunds „U“ scheint immer noch auf dem Weg zu sein. Aber ist es der Richtige?

Dortmund. „Der zweite Blick“ heißt die neue Hängung des Museums Ostwall, mit der das Traditionshaus, seit gut einem Jahr im „Dortmunder U“ ansässig, auf sich aufmerksam macht. Eine schöne Nackte von Picasso neben einer Plastik von Henry Laurens; Pechstein und Jawlensky begegnen einander in zwei Landschaften, aber Fluxus und Informel sind die angestammten Schwerpunkte des Hauses geblieben. Eines aber macht die neue Hängung deutlicher denn je: Es gibt wenige Museen, die ihre Bestände so beengt präsentieren, in engen Kabinetten und schmalen, labyrinthischen Gängen, auf 1600 Quadratmetern.

Die Avantgarde der 60/70er Jahre und die Expressionisten, beide eher lose nebeneinander und leider überwiegend unter Kunstlicht, wirken im 4. und 5. Stock des Industriedenkmals wie zufällige Fundstücke in einer Dachkammer. Eine öffentlich wirksame Wertschätzung der kleinen, respektablen Sammlung sähe anders aus, zumal die Architekten den Eingang in eine unscheinbare Ecke geschoben haben. Das Museum ist ja nur ein Mieter unter vielen.

An Renommee ist noch nicht viel gewonnen

Wenige Städte im Revier haben die Möglichkeit, Schätze so großzügig auszubreiten, wie dies im Essener Folkwang Museum geschieht. In Dortmund war die Idee, mir der man sich profilieren wollte, schon im Ansatz anders: Das U sollte durch die Nachbarschaft von Einrichtungen aus Wissenschaft, Kunst und Bildung eine Atmosphäre befruchtender Kreativität entfalten – mit den neuen Medien als Schnittstelle. Die größte Stadt des Ruhrgebiets sah sich als Vorreiter einer zukunftsstarken Verbindung. Eine typische Momentaufnahme des Programms: Der Hartware Medienkunstverein zeigt eine Ausstellung zum Thema Öl, einer Fotoausstellung der Jugendkunstschulen im Ruhrgebiet („Gesichter im Ruhrgebiet“) begegnete man auf Ebene 2, weiter oben gab es eine Multimediainstallation zum Mitmachen („Du bist das Orchester“), während im Erdgeschoss türkische Filme liefen.

So demokratisch das Programm, das 2011 laut städtischem Presseamt 110 000 Besucher (davon 30 000 im Museum Ostwall) anzog, an Renommee hat man nicht viel gewinnen können. Zu einem „Centre Pompidou“ des Reviers fehlt eine bildmächtige Mitte, die man bei der arg theoretischen Konzeption des Hauses vergessen hatte. So bleiben die Videosequenzen von Adolf Winkelmann, die auf dem Dach weithin leuchten, nur Versprechen, die innen nicht gehalten werden.

Schlägt der teure Koloss genügend Wellen?

Schlägt der über 80 Millionen Euro teure Koloss denn um sich herum die Wellen, die man erhofft hatte? Im Vorfeld der Kulturhauptstadt 2010 plante man, in Dortmund (und in sechs anderen Ruhrgebietsstädten) in problematische Gegenden durch die Ansiedlung von kreativen Branchen den Boden für ein neues urbanes Leben zu bereiten. Das Ergebnis? Gemischt. Gegenüber, am Hohen Wall, hat die Kunstinitiative Boheme-Précaire in den leeren Räumen eines Bürohauses vor kurzem eine kleine internationale Ausstellung organisiert, die den Titel „been out“ trug und den öffentlichen Raum behandelte. Die Fotografien, Videos und Texte entpuppten sich als ebenso politisiert wie originell. Darunter vermietet die „ständige vertretung“ Arbeitsplätze für Kreative. Nebenan in einem Ladenlokal mit angeschlossener Galerie, findet sich die Agentur „heimat design“, die den kreativen Aufbruch von Stadt und Region fördern will. Man gründete den Verein „Neue Kolonie west“, der an der Rheinischen Straße Aktivitäten entwickelt. Derzeit, so Geschäftsführerin Reinhild Kuhn, läuft ein Artist-in-Residence-Programm an, dessen Gäste in einer Gewerbehalle arbeiten. Es wird Ausstellungen und einen Katalog geben. Laut Kühn war es ein Glücksfall, dass sich die Ziele der Stadt mit denen der ansässigen Künstlerszene am Ende trafen – ein langwieriger Prozess mit Höhen und Tiefen.

Kein Bilbao-Effekt

Offenbar lässt sich der sprichwörtliche Bilbao-Effekt nicht überall umsetzen. Fährt man heute die Rheinische Straße hinunter, dominiert immer noch das ernüchternde Bild von Billig-Supermärkten und Spielhallen. Die Gentrifizierung, der Zuzug von mittelständischen Schichten, von manchen erhofft, von anderen befürchtet, ist hier nicht in Sicht; solche Impulse finden in Dortmund woanders statt, auf dem Phönixgelände etwa, wo der High-tech-Park nicht weit entfernt von einer neu entstehenden Wohnbürgerlichkeit rund um den See heranwächst.