Der Struwwelpeter: Zwischen Grauen und Genuss

Essen. Ein Nervenarzt schuf eines der bis heute prägendsten Kinderbücher. Vor 200 Jahren wurde der Erfinder des Struwwelpeters geboren. Langlebig, umstritten, faszinierend – ein Gespräch mit der Kinderliteratur- und Leseforscherinnen Bettina Hurrelmann.

Sein Schöpfer würde heute 200 Jahre alt, umstritten ist „Der Struwwelpeter” bis heute. Einst erregten die „drolligen Bilder” Furcht, später verjagten ihn die 68er wegen seiner rüden Erziehungstöne aus den Kinderzimmern. Gedruckt wird Heinrich Hoffmanns berühmtestes Buch bis heute. Über Werk und Wirkung sprach Lars von der Gönna mit Bettina Hurrelmann. Sie war bis 2008 Professorin der Uni Köln und gilt als eine der bedeutendsten Kinderliteratur- und Leseforscherinnen in Deutschland.

Frau Professor Hurrelmann, was ist Ihre Lieblingsfigur im „Struwwelpeter”?

Bettina Hurrelmann: Der Zappel-Philipp! Da wird ja längst nicht nur ein Junge vorgeführt, der gegen Regeln verstößt. Da wird auch das bürgerliche Essensritual verspottet. Schauen Sie mal, wie lächerlich diese Eltern dargestellt sind, da sieht doch ein Leser, ob er nun Kind ist oder Erwachsener, mit Vergnügen, dass die Tischdecke mit allem drauf weggezogen wird. Und dann diese Zeile: „Und die Mutter blicket stumm auf dem ganzen Tisch herum.”

Manche Eltern möchten heute ihre Kinder vor dem Struwwelpeter schützen, sie verbannen das Buch aus dem Kinderzimmer.

Bettina Hurrelmann: Ich glaube, es ist keine gute Idee, Kinder in Watte zu packen und ihnen alles zu ersparen. Man kann sie ja auch nicht vor der Wirklichkeit abschirmen. Solche Tabuisierungen von Unglück und Fehlverhalten finde ich schwierig. Wichtig ist aber die Situation, in der Kinder Bücher erleben, und auch die anschließende Verarbeitung.

Wie kann die aussehen?

Bettina Hurrelmann: Achten Sie auf die Beziehungsebene. Stellen Sie sich vor, Sie haben das Kind beim Lesen auf dem Schoß und lachen gemeinsam etwa über den Zappel-Philipp und seine strengen Eltern. Fühlt sich ein Kind sicher in dieser Situation, erlebt es solche Geschichten als Genuss. Man freut sich gemeinsam daran. Und der Erwachsene kann ja auch Themen abschwächen, wenn er etwa sagt: Nur weil du mal etwas nicht essen möchtest, endest Du nicht gleich wie der Suppen-Kaspar . . .

Der Struwwelpeter ist fast 170 Jahre alt, er hat viele Kinderbuchtrends überstanden und man liest ihn immer noch. Woran liegt das?

Bettina Hurrelmann: Das liegt daran, dass er so gut ist, auch in ästhetischer Hinsicht. Hoffmann hat ja etwas ganz Neues geschaffen, die Dynamik ist im Vergleich zu allem, was es vorher gab, richtig packend. Kinder lieben diese schnelle Abfolge, die Stationen, die Übertreibungen - das hat sich bis heute im Comic gehalten. Ganz raffiniert ist auch die Sprache, Hoffmann steigert sie so schlicht wie geschickt: „Es brennt die Hand, es brennt das Haar, es brennt das ganze Kind sogar.”

Ein Zitat, das die Liste der Grausamkeiten im Struwwelpeter unterfüttert...

Bettina Hurrelmann: Das stimmt, es passiert Fürchterliches. Es gibt Tote, Verletzte oder Verschwundene wie den fliegenden Robert. Aber die krasse Übertreibung ermöglicht Kindern ein Vergnügen aus ästhetischer Distanz. Ein geringeres Unglück wäre viel realistischer und darum furchteinflößender. Man sprach in der Entwicklungspsychologie früher sogar vom „Struwwelpeter-Alter”.

Was war damit gemeint?

Bettina Hurrelmann: Eine Phase im dritten, vierten Lebensjahr, in der Kinder sehr empfänglich sind für Ursache und Wirkung ihres Verhaltens, eine Phase, in der Strafe und Gehorsam begriffen werden, in der erste Moralvorstellungen ausgebildet werden. Hoffmann erzählt ja auch von der Vermeidbarkeit des Unglücks. Und Lesen war und ist für Kinder, die den Struwwelpeter oder Max und Moritz lesen, ja auch Probehandeln: Wenn ich das nicht mache, ist alles in Ordnung. Aber natürlich genießen sie zugleich die Grenzüberschreitung der Helden und dürfen zufrieden sagen: Ich bin das ja nicht.

Hat Hoffmann ein gutes Kinderbuch geschrieben?

Bettina Hurrelmann: Meine Antwort ist ambivalent. Für meine Kinder habe ich zum Beispiel die Geschichte vom Daumenlutscher ausgespart. Man hat sie später auch als Warnung vor Selbstbefriedigung gedeutet. Mich störte, dass der Lustgewinn am eigenen Körper so negativ besetzt ist. Aber Hoffmann hatte ein ungeheures Gespür, was Kinder verstehen und welche Geschichten zu ihnen vordringen. Er hat einen entwicklungspsychologischen Realismus beherrscht; Kinder verstehen und mögen seine lineare Erzählweise. Außerdem entdecken auch Erwachsene zeitkritische Anspielungen. Es ist ein vielschichtiges Buch. Wer den Struwwelpeter gelesen hat, hat ihn nicht vergessen.

 
 

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