„Der Revisor“ - Theater mit Sicherheitsabstand

Der ganze Ort ist in Aufruhr, weil ein Revisor sich angesagt hat. Der Stadthauptmann (Bernd Michael Lade, Mitte, mit Pelzmantel)  trift Vorsorge. (Foto: Oliver Mengedoht / WAZ FotoPool)
Der ganze Ort ist in Aufruhr, weil ein Revisor sich angesagt hat. Der Stadthauptmann (Bernd Michael Lade, Mitte, mit Pelzmantel) trift Vorsorge. (Foto: Oliver Mengedoht / WAZ FotoPool)
Foto: WAZ FotoPool
Am liebsten eröffnen die Ruhrfestspiele mit internationalen Stars. Aber Cate Blanchett trifft mit der australischen Produktion von „Groß und Klein“ wegen anderer Verpflichtungen erst zu Pfingsten ein. Schade, denn die Eröffnungspremiere „Der Revisor“ war wenig aufregend.

Recklinghausen. „Im Osten was Neues“ lautet das Motto der diesjährigen Ruhrfestspiele. Was ja wohl heißen soll, dass man uns in den nächsten Wochen nicht nur die Vielfalt des klassischen russischen Theaters und seiner Autoren präsentieren will, sondern auch dessen latente Aktualität. Der Eröffnungsabend jedoch war in keiner Weise dazu angetan, die Zuschauer von der Ernsthaftigkeit dieses Versprechens zu überzeugen. Ausgerechnet Nikolai Gogols „Der Revisor“, eine zeitlose Abrechnung mit der Korrumpierbarkeit und den Mauscheleien von Amtsträgern, erlebte man auf der Bühne des Festspielhauses als verstaubten, zahnlosen Comedy-Jux.

Alle haben Dreck am Stecken

Schon der Anfang weist den Weg, den Frank Hoffmann mit seiner Inszenierung gehen will. Sechs solche Amtsträger hocken da in Reih und Glied an der Rampe und schmieden Pläne, wie man dem Besuch des angekündigten staatlichen Revisors begegnen soll. Alle haben sie Dreck am Stecken, egal ob sie als Richter Geschenke annehmen oder als Postmeister keinen Brief ungeöffnet lassen. Das wäre eine Gelegenheit gewesen, zumindest den Versuch einer Spiegelung zu wagen. Denn das Parkett ist voll von Amtsträgern an diesem Abend, aus politischem Bereich ebenso wie aus dem der Sponsoren. Doch auf der Bühne agieren Figuren mit optischem Sicherheitsabstand, altmodisch gekleidet, mit Pelz oder Monokel. Alle mit der Anweisung, möglichst aufdringlich komisch zu sein.

Ausgestellte Albernheit

Das Publikum erlebt ein Stück, das historisch gefesselt bleibt und sich mit seiner ausgestellten Albernheit genug ist. Und dem Festival scheint es genug, immer ein paar Prominente präsentieren zu können. So erlebt man Ex-Tatort-Kommissar Bernd-Michael Lade als fortwährend aggressiven Stadthauptmann, der eher wirkt wie ein Trapper aus Karl Mays Fantasie. Den kleinen Beamten, den man irrtümlich für den mächtigen Revisor hält und der sich nun vor Bestechungsangeboten kaum retten kann, verkörpert Jevgenij Sitochim. Der ist im Fernsehen stets zur Stelle, wenn es mal wieder gilt, ein Mitglied der Russenmafia darzustellen. Hier meint man, er spiele in einer Art Paralleluniversum: Sein Chlestakov ist ein schwebender Lebenskünstler, ein zarter Artist des Daseins, ein Hochstapler, dem alles selbstverständlich scheint. Dass in einer Szene alle nach seinem Takt tanzen müssen, nein, auch dieses wenig subtile Bild erspart uns die Regie nicht.

Statt mit großem, begeisterndem Theater zu überraschen, eröffnen die Ruhrfestspiele, nicht zum ersten Mal, mit der ideenlosen Inszenierung eines immer noch wichtigen Stücks. Man weiß, dass Besseres kommen wird, aber ein provinzieller Geruch ist erst einmal da.

 
 

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