Der Mann für die markanten Außenseiter

Der Schauspieler und Regisseur Vadim Glowna starb in einem Berliner Krankenhaus.
Der Schauspieler und Regisseur Vadim Glowna starb in einem Berliner Krankenhaus.
Foto: dapd
Seit den 60er-Jahren hat er in über 160 Filmen mitgespielt – Vadim Glowna, der längst zum deutschen Fernsehzimmer-Mobiliar gehört, ist am Dienstag in Berlin im Alter von 70 Jahren einer kurzen, schweren Krankheit erlegen. Der langjährige Ehemann von Vera Tschechowa, dessen heisere, kehlige Stimme ihn unverwechselbar machte, war aber auch Regisseur, Drehbuchautor und Produzent.

Essen.. „Tatort“ und „Gruppenbild mit Dame“, „Derrick“ und „Kalt ist der Abendhauch“, „Traumschiff“, „Baader“ und „Borgia“ – wo immer die Rolle eines leicht melancholischen, kaum zu durchschauenden Mannes zu besetzen war, tauchte Vadim Glowna auf. Er war der ideale Außenseiter, der im Mittelpunkt einer Geschichte stehen konnte, mit einem Gesicht voller Andeutungen, trotz der markanten Nase, die ihm als Junge bei einer Prügelei zu Brei geschlagen wurde.

Mit seiner unverwechselbar heiseren, kehligen Stimme gehörte Vadim Glowna zu jenen seltenen Schauspielern, die jede Rolle so eng zu sich heranziehen, dass sie zur zweiten Haut wird. Spiel und Schau schlagen um in eine Art von geerdetem Ernst – und ein Film wird zu einem Ereignis, das nicht nur die Netzhaut berührt, sondern den Gefühlsverstand.

Auf der Reeperbahn

Vielleicht war es auch Glownas alles andere als einfache Jugend, die noch mitschwang, wenn er auf dem Bildschirm wie auf der Leinwand stets dieselbe Intensität verströmte. 1941 in die Kleinstadt Eutin hineingeboren, wuchs er in Hamburg auf, als sich seine Eltern trennten. Mit dem zweiten Mann seiner Mutter verstand sich Glowna so gut, dass er dessen polnischen Namen annahm. Die Mutter führte einen Blumenladen, der kleine Vadim wurde „Schlüsselkind“, bis er als Jugendlicher Mal um Mal ausriss. Glowna jobbte als Matrose, als Taxifahrer, als Drummer und Journalist, gab sein Theologie-Studium auf und probierte es mit der Schauspielschule. Tagsüber. Nachts war er Hotelpage, geschlafen hat er, kurz, in der Straßenbahn, eine Wohnung brauchte er nicht. Das Trinkgeld, das er als Page bekam, war gut für Sausen auf der Reeperbahn, wo die Beatles spielten und John Lennon ihm ein Mädel ausspannte.

Gustaf Gründgens engagierte Glowna am Schauspielhaus Hamburg, doch im Laufe der 60er-Jahre wechselte Glowna immer mehr zu Film und Fernsehen. Seit Anfang der 70er war er ein treuer Begleiter deutscher Fernsehabende, legte aber auch im Kino immer wieder Charakterrollen hin, die ihn als differenzierten, hintergründigen Darsteller zeigten – „Die Tote aus der Themse“, „Der Schneider von Ulm, „Drei D“, „Die Unberührbare“, „Der alte Affe Angst“ oder „Agnes und seine Brüder“.

Von 1967 bis 1990 war Glowna mit der Schauspielerin Vera Tschechowa verheiratet, ihre gemeinsame TV-Dokumentation „Tschechow in meinem Leben“ gehört zu den Höhepunkten des Genres. Glowna arbeitete auch als Regisseur, für sein Debüt mit „Desperado City“ wurde er 1981 in Cannes mit der „Goldenen Kamera“ ausgezeichnet. Manchmal schrieb er das Drehbuch selbst (etwa für einen Tatort), und weil Schauspielen für ihn mitunter eine Tortur war, betätigte er sich nicht ungern als Kino-, Fernseh- und Theater-Produzent. Mitgewirkt hat er in über 160 Kino- und TV-Filmen.

Und weil das Fernsehen immer mehr zur Endlosschleife aus Wiederholungen wird, werden wir Vadim Glowna immer wieder begegnen. Allerdings mit Trauerflor im Blick. Denn in der Nacht zu Dienstag aber ist er in einem Berliner Krankenhaus einer kurzen schweren Krankheit erlegen.

 
 

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