Der Kampf zweier Kulturen

Der Regen in allen Variationen: Szene aus „Die stille Kraft“ Foto:Triennale
Der Regen in allen Variationen: Szene aus „Die stille Kraft“ Foto:Triennale
Ruhrtriennale: Das Epos „Die stille Kraft“ begeisterte auf Zollverein als Bühnenwerk – und als Plädoyer fürs Miteinander.

Essen.  Es gießt, es nieselt, es schüttet, es strömt, es rinnt, dampft und peitscht: Der nur selten mal aussetzende Regen ist der Held, das Markenzeichen dieser Inszenierung des niederländischen Kolonialromans „Die stille Kraft“ von Louis Couperus (1863-1923). Regisseur Ivo van Hove verdichtet das Epos für die Ruhrtriennale im Salzlager der Welterbe-Zeche Zollverein zu einer zweistündigen Reihe von einprägsamen, sinnlich denkenden Bildern vom Kampf zweier Kulturen.

Ins Rutschen, Schlingern, Straucheln gerät dabei das Leben eines holländischen Kolonialbeamten und seiner Familie. Otto van Oudijk, Hauptverwalter einer Region auf Java, dem heutigen Indonesien, arbeitet nach den rationalen, sich gar „ethisch“ gebenden Prinzipien der europäischen Bürokratie an der Unterdrückung und Ausbeutung des Inselvolks.

Van Oudijks Frau schläft mal mit ihrem Stiefsohn, mal mit dem unwiderstehlichen indisch-europäischen Mischling Addy de Luce, der schon in Couperus’ Roman die heimlich-unheimliche Lichtgestalt abgibt. Auch van Oudijks Tochter Doddy liebt den Beau Addy – und sie alle werden untergehen oder fliehen. Denn ihnen wird von der javanischen Kultur und mysteriösen Vorgängen im eigenen Haus ebenso der Kopf verdreht wie vom Klima. Während im Roman viel von mystisch-übersinnlichen Kräften die Rede ist, deutet van Hoves Inszenierung eher auf eine subtile Widerstandskraft der Einheimischen.

Das Stück wird so zur skeptischen Auskunft über das Neben-, Über- und Untereinander von Kulturen – einen Silberstreif hat hier nur die Perspektive der Vermischung, der gegenseitigen Befruchtung in jeder Hinsicht. Eine beeindruckende Absage an die Vorstellung von der Überlegenheit westlicher Kultur, zugleich ein eindringliches Plädoyer für Integration als gegenseitiges Wechselspiel.

Plausible Seelenzustände

Deutlich wird das, weil die Schauspieler, allen voran Gijs Scholten van Aschat als Otto van Oudijk und Halina Reijn als ebenso schöner wie liebesdurstiger Weibsteufel an seiner Seite, ihre Figuren mit lauter plausiblen Seelenzuständen ausstatten dürfen. Da ist auch die deutsch-englische Übertitelung kein großes Hindernis, die holländische Originalsprache überzeugt als Klang des Fremden in der Fremde.

Langer, begeisterter Premierenbeifall.

Termine: 23., 24. September, 19.30 Uhr. Karten: Tel. 0221/ 280 210. www.ruhrtriennale.de

 
 

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