Der innere Weg

Britta Heidemann
Prof. Dr. Erhard Meyer-Galow
Prof. Dr. Erhard Meyer-Galow
Foto: Fox Foto-Agentur
Ein ehemaliger Essener Topmanager schreibt über ZEN-Meditation und die wirklich wichtigen Werte im Leben

Essen. Als karriereorientiertes „Leistungstier“ war der gelernte Chemiker Erhard Meyer-Galow bis zu seinem 45. Lebensjahr erfolgreich „auf dem Egotrip“. Wie er in einer Lebenskrise – Scheidung, Jobverlust – erkannte, dass er auch seinem inneren Wachstum Raum geben muss, wie er zur ZEN-Meditation fand, das beschreibt der ehemalige Vorstandsvorsitzende von Hüls und Stinnes in einem sehr persönlichen Buch. Seine Motivation: „der wachsende, grenzenlose Egoismus vieler Menschen im zweiten Lebensdrittel, der zu der Finanz- und Wirtschaftskrise sowie Weltkrise geführt hat, und die daraus resultierende Sinnlosigkeit und Orientierungslosigkeit vieler Menschen in dem dritten Lebensdrittel, die keinen inneren Frieden finden können.“

Manchmal wundert sich der 70-jährige Essener über den großen Zuspruch, den er bei Veranstaltungen erfährt. Dabei ist das vielleicht gar nicht so erstaunlich: Wenn die Wirtschaft nicht mehr so wächst, wie das System fordert, erinnern wir uns daran, dass es da noch „etwas anderes“ geben könnte. „Wohlstand ist für mich nicht Wachstum, sondern bewusstes Leben, Achtsamkeit in jedem Augenblick, Zeit für andere“, sagt Erhard Meyer-Galow. Er sieht darin eine Weiterführung der Thesen des Sozialwissenschaftlers Meinhard Miegel, der auch verdeutliche, dass es so nicht weitergehen kann. „Wohlergehen“ sei für ihn wichtiger als die alleinige Orientierung auf materiellen Wohlstand.

Zwar siedelt Meyer-Galow, ausgehend von seiner eigenen Biografie, die Sehnsucht nach Spiritualität und Transzendenz vor allem im „dritten Lebensdrittel“ an – das ja heute, dank aller Vorruhestandsregelungen und Altersteilzeiten, immer früher einsetzt. Dennoch betont er, das innere Wachstum könne ja gar nicht früh genug beginnen. Die Lehren der Konzentration und Achtsamkeit, die er vor allem in der ZEN-Meditation kennenlernte, hat er im Buch denn auch auf „Erfahrungsräume“ übertragen, in denen wir ohnehin oft sind – Natur, Musik, Kunst, Tanz, Begegnung, aber auch Sport beispielsweise. „Damit kein Missverständnis aufkommt: Die Übungen auf dem inneren Weg sind keine Freizeitbeschäftigungen. Sie sind immer angesagt, besonders im täglichen beruflichen Wirken.“ Meyer-Galow glaubt, in Zeiten von Krise, Burnout und Depression sei ein Umdenken in allen Lebensaltern ratsam – und geschehe ja auch. „Als ich vor 30 Jahren begann, ZEN- Seminare zu besuchen“, erinnert sich Meyer-Galow, „waren dort vielleicht 80 Prozent Frauen und 20 Prozent Männer. Heute ist der Männeranteil deutlich gewachsen, und es gibt viele jüngere Leute, die teilnehmen. Das ist sehr ermutigend.“ Ihn überrascht die Häufigkeit des Burnout-Syndroms nicht. „Burnout ist die Implosion des egozentrierten Egos. Wenn dann innen nichts ist, zeigt man die bekannten Symptome. Deshalb findet die dauerhafte Heilung innen und nicht aussen statt“.

Aber: Kann man Topmanager, Unternehmer, Führungskraft sein – und dem inneren Wachstum sowie der daraus resultierenden Ethik verpflichtet sein? „Ja, es gelingt auch mit wirtschaftlichem Erfolg und beschert inneren Frieden. Es gibt bisher wenige Topmanager, die sich mit Spirituellem auseinandersetzen“, sagt Meyer-Galow. Dennoch glaubt er: „Wir sind auf dem Sprung in eine höhere Bewusstseinsstufe. Weil wir durch die Krisen, die wir gerade erleben, feststellen, dass wir die Grenzen des ausschliesslich mentalen Bewusstseins erfahren.“ Er selbst habe nie nach außen getragen, dass er meditiere. Und doch habe der innere Weg sein Handeln bestimmt, ob bei der Umstrukturierung der Hüls AG oder im direkt Umgang mit Mitarbeitern: „Ich habe immer versucht, die Distanz rauszunehmen. Aus der Erfahrung, dass wir alle miteinander verbunden sind, wächst Gelassenheit, Heiterkeit, Humor, Güte und ein grenzenloses Mitgefühl mit allen Wesen.“

Wer sich dem inneren Wachstum verpflichtet fühle, der könne gar nicht anders, als „sozial“ zu sein, glaubt Meyer-Galow. Aus diesem Grunde hält er auch das „Soziale Jahr“, das der Philosoph Richard David Precht für Rentner vorgeschlagen hat, nur für eine weitere Ablenkung auf dem Weg zum Eigentlichen. Der Sinn des Lebens, das ist für ihn ja: „transparent zu werden für die göttliche Dimension“. Aus diesem Grunde gründet er gerade unter dem Dach der Gesellschaft Deutscher Chemiker, deren Präsident er war, eine Stiftung. Sie wird den „Meyer-Galow-Preis für Wirtschaftschemie“ ausschreiben: für Menschen, die im Sinn der Nachhaltigkeit wirken, Produkte entwickeln, die wirklich dringend gebraucht werden – und die um ihr inneres Wachstum bemüht sind.

Erhard Meyer-Galow, geboren 1942 in Frankfurt/Main, lebt in Essen. Sein Buch „Leben im Goldenen Wind“ ist im Frieling-Verlag erschienen, hat 432 Seiten und kostet 26,90 €. www.leben-im-goldenen-wind.de