Der Herr der fliegenden Menschen von Urbanatix

Thomas Mader
Christian Eggert ist der Regisseur und Erfinder des Bochumer Street-Art-Projekts Urbanatix. Foto: Ingo Otto / WAZ FotoPool
Christian Eggert ist der Regisseur und Erfinder des Bochumer Street-Art-Projekts Urbanatix. Foto: Ingo Otto / WAZ FotoPool
Foto: Ingo Otto / WAZ FotoPool

Bochum. Christian Eggert ist der Erfinder des Street-Art- und Artistik-Projekts Urbanatix, hat jungen Trendsportlern von der Straße eine Bühne und eine Vision gegeben. Der Bochumer hat aber noch sehr viel mehr Kreatives geleistet.

Mit der Kreativität ist es ein bisschen verrückt, Christian Eggert weiß nie so genau, was zuerst da war, Frage oder Antwort. „Was kannst Du?“ – das fragt man sich vernünftigerweise, wenn es zum Beispiel darum geht, eine Show wie „Urbanatix“ auszutüfteln. Hier hat Eggert seinen gesamten Lebenslauf eingebracht: Der Jugendarbeiter, der er einmal war, hat junge Trendsportler von der Straße gesucht und ihnen eine Bühne und eine Vision gegeben. Der Künstlervermittler hat sie zusammengebracht mit den Stars der Artistikbranche. Der Regisseur hat daraus eine Erfolgsgeschichte geschrieben. Und der Event-Manager in ihm flüsterte wohl ununterbrochen: Wahnsinn, finanzieller Wahnsinn!

Und so hätte es die Erfolgsshow wohl nie gegeben, wenn nicht vor der Frage schon die Antwort gestanden hätte: „Ich kann das!“

Christian Eggert hat sich das oft bewiesen, und eigentlich immer ist dabei etwas für das Ruhrgebiet übrig geblieben: Er hat sich in Bochum für die Gründung des Kulturzentrum Bahnhof Langendreer miteingesetzt, die Konzertdisco Riff miterfunden, das Luna-Varieté in Dortmund angestoßen und nebenbei Frank Goosen und Jochen Malmsheimer dazu überredet, ihre Berufe aufzugeben; dreizehn Jahre war er ihr Agent – aus einer spontanen Begeisterung heraus.

Eggerts Einsatz nichts weniger als die eigene finanzielle Existenz

Eggert entscheidet oft aus dem Bauch heraus. So hat er auch nicht gerechnet, als ihm der Manager der Jahrhunderthalle spontan neun Veranstaltungstage kurz vor Weihnachten angeboten hat. „Ich hab’ den Mut, mir Aufgaben zu setzen, die an der Grenze liegen“, sagt Eggert. „Urbanatix“ ist im Kern ein privatwirtschaftliches Projekt und Eggerts Einsatz nichts weniger als die eigene finanzielle Existenz. Und der lockende Gewinn bestenfalls eine schwarze Null.

Der 47-Jährige hat schon in der Schule Festivals organisiert von Salsa bis Hardcore. Dann die Zimmermann-Ausbildung – die Ausbildung, weil man etwas „Vernünftiges“ machen musste, der Zimmermann, weil er um die Welt reisen wollte. Aber schon zu der Zeit war er der Kopf der Schauburg-Initiative zum Erhalt des gleichnamigen Kinos. Morgens Azubi, abends verhandeln mit dem mächtigen Bochumer SPD-Fraktionschef Heinz Hossiep. Morgens Verstand, abends Bauch.

Christian Eggert spricht direkt und ohne Satzschablonen, einen etwas kantigen Klang in der Stimme. Lieber steckt er im Wollpulli statt im Anzug und packt mit an in der klammen Bochumer Marienkirche, die den Straßensportlern als Trainingscamp dient.

Vor 27 Jahren hat Eggert angefangen mit der Jugendarbeit: Zeltlager, Bandaustausch, Jugendfreizeiten. Im Kulturladen Wattenscheid, wo er damals arbeitete, ist die „Kalle-Show“ entstanden. Götz Alsmann, die Missfits und andere Größen steckten noch in den Anfängen und brachten 200 Leute zum Toben. Die Kalle-Show war der Grundstein für die Agentur „DaCapo-Kultur Offensiv!“, die Eggert bald führte.

Eine Schule für Artisten

„Nach der Wende brachten die Artisten aus dem ehemaligen Ost-Block eine Leistung mit, die in Deutschland unbekannt war. Tolle Artisten in furchtbaren Kostümen.“ Heute sprechen die Künstler alle Englisch. Und das Internet hat den Wert einer gepflegten Künstlerkartei reduziert. Heute verkauft Eggert maßgeschneiderte Erlebnisse. Als Regisseur tourte er von Wien bis New Orleans, von Kiew bis Budapest. Stemmte mit Karl-Heinz Helmschrot die Blue-Balance-Show im TheatrO Oberhausen, die „größte und technisch aufwendigste deutsche Artistikshow“ mit 140 000 Zuschauern. Damals dachte er: „So einen Wahnsinn will ich nie selber veranstalten wollen.“ Die Finanzen, die Auslastung, die Nerven. Falsch gedacht.

Aber warum die Artistik? Sucht man nach einem Ausgangspunkt, kommt Eggert rasch auf das Varieté Flic Flac des André Heller, das er mit 14 besuchte. Und schon den Jungen faszinierte eine recht abstrakte Vorstellung: dass drei Minuten einer Artistiknummer genügen, um das Konzentrat eines ganzen künstlerischen Lebens zu zeigen. Und all die Möglichkeiten, die der menschliche Körper offenbar in sich trägt. Sagt der Handballer mit Achillesproblemen.

Was kann bleiben? Eggerts Vision ist eine Artistenschule. Ein Kubus im Bochumer Westpark zum Beispiel, mit Trainingsräumen und Rampen für die Straßenjugend. Die erste Schule, bei der Street-Art auf dem Lehrplan steht. Wieder so ein unmögliches Projekt. „Als Agentur ist das uninteressant und als Geschäftsmann ebenfalls.“ Die Idee ist, etwas zu hinterlassen. Wie immer – auch für das Ruhrgebiet