Der Film bleibt stärker als die Bühne

Arnold Hohmann
Szene aus „Rocco und seine Brüder“ nach dem Film von Luchino Visconti Schauspiel Hannover Koproduktion mit den Ruhrfestspielen Recklinghausen.
Szene aus „Rocco und seine Brüder“ nach dem Film von Luchino Visconti Schauspiel Hannover Koproduktion mit den Ruhrfestspielen Recklinghausen.
Foto: Katrin Ribbe
Die Filmvorlage ist zu dominant. Die Theaterfassung zu Viscontis Klassiker „Rocco und seine Brüder“ bei den Ruhrfestspielen erweist sich als angreifbar.

Recklinghausen. Wer will, der kann in so manchem Filmklassiker von einst Bezüge entdecken zu gegenwärtiger Thematik. In Luchino Vis­contis „Rocco und seine Brüder“ trifft man auf Migranten im eigenen Land, auf verarmte Süditaliener, die sich im Norden eine Existenz erhoffen. Lars-Ole Walburg, Intendant am Schauspiel Hannover, hat offenbar eine Verbindung zum gegenwärtigen Flüchtlingsproblem erspäht, es dann aber halbherzig bei Anspielungen belassen. Seine Bühnenversion, uraufgeführt jetzt bei den Ruhrfestspielen, orientiert sich brav an den Dialogen des Films. Das Jahr 1960 scheint trotz Handys und Warhol-Zitaten noch immer durch.

Viscontis Film hat eine zu starke Substanz für solche Blaupause. Hier geht es um Mama Parondi und ihre fünf Jungs, von denen der Boxer Simone als Mörder einer Prostituierten endet. Und von de­nen der sanfte Rocco alle Entbehrungen erträgt, um den Zusammenhalt der Familie in den Verlockungen Mailands zu erhalten.

Visconti und seine Mitautoren am Drehbuch haben eine depressive Studie geschaffen – allein das Schicksal des belesenen Automechanikers Ciro lässt ein wenig Hoffnung aufkeimen. Die Schauspieler hat Walburg nach den Typen des Films besetzt, obwohl es ein schweres Geschäft ist für jemand wie Jonas Steglich, es mit der Erinnerung an den engelsgleichen Alain Delon als Rocco aufzunehmen. Jakob Benkhofer als Simone gewinnt da schon mehr Kontur. Und auch Sarah Sandeh als Hure Nadja bleibt viel deutlicher in Erinnerung als Catherine Stoyan, die mit ihrer schlanken Figur so gar nicht dem Bild einer südländischen Mama entspricht. Ihnen allen würde es noch besser gehen, wenn nicht immer wieder eine Band mit hartem Rock in den Ablauf eingreifen würde. Und wenn sie nicht hin und wieder Mätzchen des Regisseurs ertragen müssten, der Sex und Tod in Rot vereint sehen möchte – mal mit roter Melone, mal mit spritzendem Blut.

Der Tiefpunkt der Inszenierung wartet am Ende, wenn Ciro seinem kleinen Bruder die Gegenwart erklärt, klippschulartig von der Bankenkrise bis zur Flüchtlingsbewegung. Da wird die Sehnsucht nach Viscontis Film besonders groß.

Letzte Vorstellung: heute, 20 Uhr. Karten: 02361 / 9218-0