Der blanke Horror auf der Bühne

Alles wie im Film: Björn Gabriel, Sarah Sandeh und Ekkehard Freye.
Alles wie im Film: Björn Gabriel, Sarah Sandeh und Ekkehard Freye.
Foto: Birgit Hupfeld
Jörg Buttgereits „Besessen“ erinnert in Dortmund schrill an die Geschichte der Splatter-Filme – ein Genuss vor allem für Genre-Fans.

Dortmund.  Bevor der Film – pardon, das Stück – anläuft, wird der Zuschauer vorgewarnt. Es drohen schockierende blasphemische Äußerungen, Szenen psychischer, physischer und sexueller Gewalt. „Sie haben jetzt zwei Minuten Zeit, den Saal zu verlassen.“

Dann hockt Gerd Friedekin (Ekkehard Freye) in seinem mit Kinopostern verhängten Apartment, schmökert in William Peter Blattys Roman „Der Exorzist“, der William Friedkin 1973 als Vorlage für seinen viele Jahre zensierten „Skandalfilm“ mit Linda Blair diente, und wartet darauf, dass Freund Marian (Björn Gabriel) mit der Pizza anrückt. Mit seinem ängstlichen Freund will der Horrorfilm-Enthusiast Friedkins Klassiker als Video schauen, doch kaum ist die Kassette eingelegt, da sind die Dämonen los.

Es sind allerdings nicht die irrationalen Ängste und Alpträume, von denen der Mensch des 21. Jahrhunderts getrieben ist. Jörg Buttgereits (auch Regie) „Besessen“ gleicht ei­nem Exkurs über die Wirk- und Rezeptionsgeschichte des schließlich im kulturellen Mainstream gelandeten Horrorfilms zwischen dem „Exorzisten“ und David Cronenbergs Film „Videodrome“ über Realitätsverlust von 1983.

Der gemütliche Video-Abend wird abrupt gestört. Videokassetten purzeln aus dem Regal, Linda Blair (Sarah Sandeh) erscheint, wälzt sich („genau wie im Film“, kommentiert Friedekin) auf dem Bett, masturbiert mit dem Kreuz. Eine gespenstische Erscheinung, „Das Böse“ (Uwe Rohbeck), taucht auf. Aus Linda wird Mia Farrow in „Rosemarys Baby“ („genau wie im Film“), Friedekins Erläuterungen schweifen ab zu Charles Manson und Sharon Tate, Linda-Mia wird zu Sharon Farrell, die als Leonore Davis in „Die Wiege des Bösen“ 1974 einen Satansbraten austrägt… Dazwischen etwas Lukas-Evangelium über Dämonen, die von Jesus in eine Schweineherde verbannt werden.

„Genau wie im Film.“ „Wie kommen wir aus dem bescheuerten Film raus“, will Marian wissen. Durch Drücken der Stopptaste des Videoplayers.

Kein großes Kino – aber schrilles Splatter-Theater für Genre-Fans. In Filmlänge. 85 Minuten.

 
 

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